Das Urteil

Ich ließ ihn aussteigen. Ich musste. Mit tränenverschleiertem Blick sah ich ihm nach. Lange, so lange bis er in diesem Haus verschwunden war. Die letzten Tage und Wochen war er von dem unglückseligen Gebäude regelrecht verschluckt worden. Abgezogen von uns, seiner kleinen Familie. Das sind ich und unsere beiden Kinder. Die vierjährige Tochter und der viermonatige Sohn.

An diesem Tag blieben wir im Auto zurück. Unser Sohn schlafend, unsere Tochter verwirrt und ich heulend und innerlich zusammenbrechend, das Lenkrad umklammernd. Was würde dieser Tag bringen? Würden wir am Ende des Tages unser Leben, reduziert um die vergangenen Monate, zurückbekommen? Und damit wieder Normalität, Leichtigkeit und die Möglichkeit erhalten, unseren Sohn kennenzulernen - zu erfahren wie das Leben so ist, zu viert? Oder würde dieser Wahnsinn, in dem wir lebten, diese Ausnahmesituation, fortbestehen? Undenkbar.

„Mami, warum weinst du?“, mit diesen Worten riss mich unsere Tochter aus den Gedanken. Ich wischte die Tränen aus meinem Gesicht, biss mir auf die Lippen und drehte mich lächelnd, direkt in ihre Augen blickend, zurück: „Weil ich nicht weiß, wie der Tag heute für Papi wird“, antwortete ich.

Diese Ungewissheit, dieses ausgeliefert sein, Passagier und nicht Kapitän im eigenen Leben zu sein. Die letzten Monate waren eine Berg- und Talfahrt der Gefühle gewesen. Eine Achterbahn. Und wir waren lediglich in der Lage gewesen, im Wagon zu sitzen. Konnten, durften nicht lenken. Wir, die immer geplant hatten, die stets aktiv unser Leben bestimmen wollten. Nun mussten wir warten. Warten, mit einem Damokless-Schwert über unseren Köpfen.

Was geschieht danach? Nach diesem Tag? Wir wussten es nicht. Nur eines war gewiss. Dass ich diesen, meinen Mann in die Arme nehmen würde, dass das Leben weiter gehen und die Sonne am nächsten Tag wieder aufgehen würde. Und wir hätten uns, uns und unsere Kinder. Das war fix.

Ich durchlebte diesen einen Tag wie in Trance. Von Wellenbewegungen durchgeschüttelt. Hoffnungsfroh und verzweifelt zugleich. Und doch spulte ich die von mir geforderten Handlungen wie an jedem anderen beliebigen Tag ab. Stillen, Kochen, Spielen. Lachen, obwohl mir zum Weinen war. Meine Gedanken waren nur bei dir. Bis mich dein Anruf ereilte: „Es dauert noch. Sie schätzen am Abend.“ Noch weitere Stunden der Ungewissheit. Passagier. Manchmal ist man im Leben Passagier.

Als es soweit war, war ich bei ihm. Bei meinem Mann. Naja, nicht unmittelbar, aber zumindest im gleichen Raum. Das war ja schon etwas. Stille. Kein einziges Geräusch war zu vernehmen. Es hieß: „Erheben sie sich und vernehmen sie ihr Urteil.“ Es war soweit. „So fühlt sich also Unrecht an“, waren meine einzigen Gedanken. Und das war es dann. Ein Urteil. Das Urteil.

© Johanna Floss