Der Osterhase

Bereits seit Tagen lief die neunjährige Hermi vor dem Fenster auf und ab. Stets war ihr Blick auf den Hollerbusch im Garten gerichtet. Genau unter diesem Hollerbusch hatte der Osterhase die letzten Jahre über Eier versteckt. Doch heuer - nichts. Grün an grün, Blatt an Blatt stand der Hollerbusch da. Nichts blitzte darunter oder daneben hervor, was die Annahme gerechtfertigt hätte, er - der Osterhase - wäre da gewesen.

„Was ist denn nur los mit dir?“, fragte die Mutter. Hermi schluchzte laut auf: „Er war noch immer nicht da!“ Verdutzt über den Gefühlsausbruch ihrer Tochter nahm die Mutter sie in den Arm: „Wer denn, von wem sprichst du?“ „Vom Osterhasen!“, rief Hermi aus, „von wem denn sonst? Es ist schon alles grün im Garten, aber er kommt nicht!“ Die Mutter konnte sich ein Lachen nicht verkneifen: „Ach Hermine. Es dauert noch 6 Tage bis zum Ostersonntag!“

Na dann kann ich ja noch einen Wunschzettel an den Osterhasen schreiben, dachte sich Hermi erleichtert. Gesagt, getan. Sie schlich sich in den Garten und legte ihren Zettel sorgfältig unter den Hollerbusch. Nun hieß es warten. Hermi tigerte nun aufs Neue rast- und ruhelos vor dem Fenster auf und ab.

Es verging ein Tag und der nächste. Und der übernächste. Langsam wurde sie nervös. Wo bleibt er nur? fragte sie sich. Denn der Zettel blieb liegen. Geduldig lag er unter dem Hollerbusch. Und Hermi wartete ungeduldig weiter.

Zwei Tage vor Ostern hielt sie es jedoch nicht mehr aus. Ihre Traurigkeit und ihr Entsetzen waren unermesslich. Sie musste sich jemandem anvertrauen. „Mama“, heulte Hermi auf, „der Zettel liegt noch immer da!“ Ahnungslos hob die Mutter die Augenbrauen und blickte fragend zu ihrer Tochter: „Welcher Zettel?“ Entgeistert und entrüstet über das Unwissen der eigenen Mutter sagte sie: „Na der Zettel an den Osterhasen!“

Nun wurde die Mutter hellhörig: „Du hast an den Osterhasen geschrieben?“ „Ja“, schluchzte Hermi, „und der Zettel liegt noch unter dem Hollerbusch! Der holt ihn einfach nicht ab!“ „Warum hast du das nicht gleich gesagt!“, rief die Mutter, sprang verdächtig nervös auf und lief zum Fenster. Tatsächlich, dort unter dem Busch war ein Zettel zu erkennen. Etwas lädiert, aber doch erkennbar.

Hermi aber blieb stehen und rätselte. Warum hätte sie der Mutter von dem Zettel erzählen sollen? Der war doch schließlich an den Osterhasen gerichtet.

Am nächsten Tag war der Zettel verschwunden. Und als endlich die Tage nun vergangen waren, fand Hermine unter dem Hollerbusch ein Häschen sitzen. Es war aus Plüsch und entsprach bis ins kleinste Detail ihrem Wunsch am Zettel an den Osterhasen.

Nun war es Hermi klar. Der Zettel. Das immer gleiche Versteck unter dem Hollerbusch. Die Reaktion der Mutter. Und deren Eile: Mutter musste den Osterhasen kennen! Sie musste ihn kennen und auf den Zettel aufmerksam gemacht haben. Wie? Naja, das blieb die Frage. Doch Osterhasen und Mütter haben doch etwas gemeinsam: Und bei beiden hat es mit Zauberei, Magie und Liebe zu tun. So viel ist sicher.

© Johanna Floss