Der Papagei

Es beginnt damit, dass ihr nebeneinander sitzen wollt. Stuhl an Stuhl. Ich sitze euch gegenüber. Essen für Essen. Sitze euch gegenüber und beobachte. Ihr lacht miteinander, umarmt euch. Während des Essens. Meine erhobene Augenbraue stört euch nicht. Für mich ist es wie fernsehen. Auch wenn ich immer wieder Regisseur spielen muss.

„Wie war heute der Kindergarten?“, frage ich dich, die große Schwester. Unser tägliches Fragespiel während des Mittagessens beginnt. „Mami, es war so schön!“ „Habt ihr wieder in der Puppenstube gespielt?“ Bevor die Gefragte zur Antwort ansetzen kann, reagiert der kleine Bruder: „Ja, Puppenstube. Kindergarten sön! So sön!“ „Warst du auch im Kindergarten?“, frage ich erstaunt. „Ja“, antwortet er und ich hätte es ihm geglaubt. Hätte, wenn er nicht wie immer den gesamten Vormittag bei mir zuhause gewesen wäre.

„Mami, ich hab dir etwas ganz wichtiges zu erzählen!“ Das Mittagsgespräch des nächsten Tages beginnt. „Jetzt bin ich aber gespannt“- „Ich habe einen Wackelzahn!“ „Juhu!“, rufe ich. „Juhu“, lautet das Echo des Bruders. Stolz zeigst du deinen Wackelzahn. Eindeutig, er wackelt. Mir gegenüber wandert die kleine Hand deines Bruders in sein weit aufgerissenes Mündchen. Er fühlt und werkt darin herum. Meine Blicke treffen auf deine. Beide wissend, was nun kommt: „Ich auch Lackelzahn!“

Beim morgendlichen Rollenspiel auf dem täglichen Weg in den Kindergarten spiele ich deine Freundin. Du wechselst wie immer deinen Namen und den deiner fünf Kinder in minütlichen Abständen. Die Gedächtnisleistung meines Gehirns wird so ins Unermessliche strapaziert. „Und Mami du bist meine Freundin. Und ich bin deine Freundin und ich habe vier Kinder. Nein fünf.“ „Mmh“, lautet meine aufmerksame Reaktion. „Ich auch Feundin!“, tönt es aus dem Kinderwagen. Der Papagei meldet sich wieder.

„Heute gehen wir in die Schule“, eröffne ich dir beim Mittagessen. Schulreifeprüfung ist angesagt. „Ja, Schule!“, rufst du. Deine Vorfreude ist groß. Du wirst beobachtet. Unruhig rutscht dein Bruder bereits auf seinem Stuhl herum. Er will sich am Gespräch beteiligen. Wie immer. Doch du redest ohne Punkt und Komma. Plötzlich platzt es einfach aus ihm heraus: „Ich auch Sule!“ Ich pruste los. Du verdrehst die Augen: „Nein, ICH komme in die SCH SCHule!“ Natürlich weiß es der kleine Bruder besser: „ICH Sule!“ Und wieder einmal hätte ich ihm geglaubt. Hätte, ja hätte ich ihn nicht selbst vor zwei Jahren erst zur Welt gebracht. Doch als wir in der Schule sind und er auf einem kleinen Stuhl am Schultisch sitzt, schaut er mich triumphierend an: „Ich Sule“ Punkt.

Im Badezimmer starten wir das tägliche Abendritual. Am Teppich liegend ausziehen. Langsam, nur ja keine Eile. Duschen, plantschen, kreischen. Abtrocknen. Ganz nackig, groß aufgerichtet sagst du stolz: „Ich bin ein Mädchen. Ich habe eine Scheide.“ Dein kleiner Bruder sitzt im Schneidersitz vor uns. Vor ihm liegt seine ganze Männlichkeit: „Ich Seide.“

© Johanna Floss