Der Weg

„Mäuschen, Opa hat Krebs.“

Der Weg begann vor bald einem Jahr: Unheilbarer Gehirntumor. Dein Opa.

Dich ließen wir von Anfang an mitgehen. Wir erklärten dir jede Veränderung. Den langen Aufenthalt im Krankenhaus. Die Bestrahlung. Die Chemotherapie. Den Haarverlust. Die Schwäche. Den Stock. Den Rollstuhl. Du nahmst unsere Erklärungen an. „Für Opa gibt es keine Medizin, die ihn gesund machen kann.“

Der anfänglich ebene Weg wird steiler. Dich nehme ich an der Hand und führe dich behutsam weiter. Ich weiß, wo der Weg enden wird. Ich erkläre dir den Begriff „unheilbar“. Ohne jemals das Ende des Weges zu benennen. Wir machen die Schritte gemeinsam. Gehen den Weg mit Opa mit.

Ich erkläre dir, was ein „Hospiz“ ist. „Da wird Oma aber traurig sein, dass sie keinen Mann mehr zuhause hat. Aber Opa ist traurig, er ist nicht mehr in seinem Zuhause.“ Ich wische meine Tränen weg. Der Weg ist nun steinig und schwer. Jeder Schritt schmerzt.

Und dann sitzen wir in der Küche, und ich wähle bewusst die Worte: „Mäuschen, Opa hat Krebs.“ Einmal erzähltest du mir stolz, du wüsstest, was Krebs sei: „Und an Krebs kann man sogar sterben!“ Bewusst haben wir die letzten Monate von einem Tumor in Opas Kopf gesprochen. Niemals aber von Krebs. Doch jetzt ist der richtige Zeitpunkt da. Das Ende des Weges nähert sich. So schlagartig und schnell, dass wir kaum Schritt halten können.

„Aber an Krebs kann man sterben!“, rufst du entsetzt aus. Nun wird es klar, das Ende des Weges. „Ja mein Mäuschen, so ist es.“

Du bekommst nicht die Zeit, um dich damit auseinander zu setzen. Du nicht. Wir nicht. Opa nicht. Wir können nicht mehr den Weg entlang schlendern. Wir müssen nun laufen. Und trotzdem kommen wir kaum mit.

2 Tage später sitzt du in der Früh neben mir. Ich halte dich fest. Suche nach Worten, nach meiner Stimme: „Mäuslein, Opa wird sterben. Deshalb sind Papa und ich jetzt immer bei ihm und nicht bei euch.“ Sofort sagst du entschlossen: „Wenn Opa tot ist, will ich ihn sehen“, und setzt nach, „aber nicht heute. Da will ich die Geburtstagstorte von meiner Cousine essen. “

Wir gehen noch am selben Tag. „Opa lebt noch, ihr könnt euch von ihm verabschieden, wenn du willst.“ Du zeichnest ein Bild mit vielen Herzen: „Weil wir ihn so lieb haben. Aber grau sind sie, weil er ja stirbt.“ Wir laufen, doch du spazierst den Weg entlang. Du nimmst ihn an.

Du hältst Opas Hand. Lässt sie nicht los. Auf mein Fragen hin antwortest du: „Mami, wenn es mir zu viel wird, sage ich es dir. Ich will noch bleiben.“ Du bist stark. Und doch noch keine 6 Jahre alt. Abschiednehmen. Nun ist es Zeit.

Groß werden die Steine am Weg. Unsere Kraft schwindet, doch wir halten durch, haben es versprochen: Wir gehen den Weg gemeinsam. Im Zeitpunkt der größten Belastung ist das Ende des Weges erreicht.

Du erwachst, als wir uns in der Nacht aus dem Zimmer schleichen, um zu Opa zu fahren. „Mami versprich mir, ich will ihn sehen!“

In der Früh sind wir leer vor Traurigkeit und Schmerz. Doch du hüpfst im Sonnenschein zu Opa: „Juhu, Opa geht es jetzt gut!“

© Johanna Floss