Der Wind weht

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Der Wind weht | story.one

Der Wind weht, sanft biegen sich die Grashalme. Die Blätter der Bäume rauschen, gelb leuchten die Blumen in der Wiese. Sie gleichen einem Blumenmeer. Die Bienen summen. Das Gemüsebeet liegt verlassen da, ebenso die Holzhütte, deren dunkles Holz bereits an vielen Stellen von der Sonne ausgeblichen und vertrocknet erscheint. Es weht der Wind.

Sie stehen davor und betrachten dieses melancholische Bild, das sich ihnen bietet. Sie öffnen das niedrige Holzgatter. Zwei kleine Kinder stürzen in den Garten hinein, laufen durch die Wiese und beginnen lachend die gelb leuchtenden Blumen zu pflücken. Der Mann öffnet die Hütte sowie den angebauten Schuppen, entledigt sich seines T-Shirts und prüft mit zusammengezogenen Augenbrauen den Zustand des Rasenmähers. Eine Sonnenbrille verdeckt seine feucht glänzenden Augen. Die ältere Frau nähert sich der Hütte, zaghaft und doch mit selbst auferlegt strammen Schritt. Die Geräusche in der Hütte lassen erkennen, dass sie nun beschäftigt ist. Es weht der Wind.

Ich bleibe vor dem Gatter stehen und beobachte. Ich spüre den Wind. Komm` herein, lockt er mich. Ich zögere und doch gehorche ich ihm und komme langsam näher. Meine Augen saugen auf. Ich sehe die „Essigbam“, sehe dein Auto, wie es in deren Schatten parkt, nach einer Ordnung, die von Regeln bestimmt ist. Ich erkenne zwei bunte Liegebetten mit je einem orange-braunen Polster und den aktuellen Tageszeitungen belegt. Ich sehe wie du uns in deinen roten Badeshorts und dem weißen, ausgeleierten T-Shirt entgegenkommst; deine alten, ausgelatschten Gartenpantoffeln an den Füßen. Mein Weg führt mich weiter an der Hütte vorbei. Ich sehe deinen Werkzeugkasten, sehe dich vor ihm stehen, beschäftigt und die Brille auf deiner Nase sitzend, dich mit deiner dir typischen raschen Bewegung am Kopf kratzend. Da stehst du also. Der Wind weht. Ich sehe dich, sehe dich überall.

WUMM WUMM WUMM entreißt mich der Rasenmäher meiner Bilder, meiner Bilder der Vergangenheit. Dein Sohn hat ihn angeworfen, um Ordnung in diese kleine Wildnis zu bringen. Deine beiden Enkelkinder versuchen die gelb leuchtenden Blumen vor dem unweigerlichen Cut zu retten und pflücken sie in Windeseile. Der Wind weht über ihre Köpfe, streichelt sie zart. So wie deine Hände es taten. Deine Frau räumt in der Hütte, beschäftigt sich. Beschäftigt sich, um nicht sehen, nicht hören und nicht spüren zu müssen. Dich.

Ich stehe da und lasse meinen Blick wandern. Von den Bäumen, zum Werkzeugkasten hin zur Hütte. Deine ausgelatschten Gartenpantoffel stehen noch in der Türe, mit den Socken darin, als hättest du dich ihrer soeben erst entledigt. Deine Brille hängt ordentlich in deinem Werkzeugkasten, als hättest du sie eben noch benutzt. Ich setze mich ins Gras, bevor ich deiner Frau helfe, die Ordnung in ihrem Gemüsebeet wiederherzustellen. Ich sitze einfach da. Sitze da um zu sehen, zu hören und vor allem zu spüren. Der Wind weht und ich sehe dich, höre und spüre dich. Doch du bist nicht mehr da.

© Johanna Floss 16.06.2020