Diplomatie

  • 260

„Ich mich hinsetz“, sagst du und setzt dich an den Mittagstisch. Deine große Schwester hüpft auf ihren Stuhl, und ich betrachte euch: Die 6-Jährige in deinem Gewand - etwas knapp. Und du, du sitzt in ihrem Gewand am Stuhl. Im Kleid. Im rosafarbenen Kleid. Der Tag hatte auch so begonnen:

Du sitzt bei draußen noch herrschender Dunkelheit am Topf. Ein Erbstück deiner Schwester, rosafarben. Die grüne Hose deines Drachenpyjamas hängt um deine Knie, die blonden Haare stehen dir wirr vom Kopf. Du beobachtest deine Schwester, wie sich vor dem Spiegel hin- und herdreht. Du nimmst seit 2 1/2 Jahren jede Regung von ihr wahr, saugst auf, was sie dir bietet. Meist mit strahlenden Augen und einem verträumten Lächeln im Gesicht.

Doch heute sitzt du mit traurigem Blick und hängenden Schultern am Topf. „Was ist los?“, frage ich dich besorgt. „Ich auch Kleid anzieh`n will“, stößt du hervor. „Häschen, du bist ein Bub. Ich habe kein Kleid für dich, aber wir suchen dann einfach eine tolle Hose für dich aus“, sage ich und will der morgendlichen Routine nachgehen. „Ich aber auch Kleid will!“, lässt du nicht locker. „Schau, wir können für dich coole Jeans und ein schönes Leiberl gemeinsam aussuchen“, versuche ich Ärger ahnend zu beschwichtigen. Aber du bestehst darauf: „Nein, ich Kleid will!“

Deine große Schwester kommt mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen, aber großen umsichtigen Augen zu dir: „Kleiner Bruder, ich bin ein Mädchen und deshalb habe ich auch ein Kleid. Du hast aber kein Kleid, weil du ein Bub bist!“ „Ich nicht Bub sein will!“, weinst du nun laut und verlautbarst exakt in dem Moment, als Papi die Badezimmerbühne betritt: „Ich Frau sein will!“ Papis Augen werden so groß, dass sie herauszufallendrohen, die Fragezeichen in seinem Gesicht verstärken sich parallel zur Lautstärke deiner Postulation: „Ich eine Frau sein will! Ich Kleid will!“

Papi schnappt mich am Ärmel und zerrt mich lachend vor die Türe. Wir halten Elternrat und versuchen mit den unterschiedlichen Positionen, die wir einnehmen, eine Lösung für den heulenden, am rosa Topf sitzenden Sohnemann zu finden, der offenbar lieber eine Frau sein will. Papis Panik steigt: „Das seid nur ihr zwei Mädels mit eurer Barbiespielerei und ich bin eindeutig zu selten zuhause. Ich nehme das jetzt in die Hand.“ Entschlossen drückt Papi die Türschnalle hinunter und hockelt sich zu dir auf den Boden: „Häschen, wir sind doch Männer. Du und ich.“ Mit tränennassen Augen schaust du auf. „Papi, wir Männern sind“, bestätigst du. Papi dreht sich zu mir, mit triumphierendem Blick. Na siehst du, soll er beudeten. “Ich aber Frau sein will!“, schreist du nun.

Deine große Schwester kullert lachend am Boden und stößt unter Lachkrämpfen hervor: „Kannst du aber nicht, du hast einen Penis!“ Du starrst uns alle an: „Ich abschneide, erledigt.“ “Nein, bitte nicht!“, haucht deine Schwester nun entsetzt, zieht sich wieder aus, quetscht sich in dein Gewand und schiebt dir ihr Kleid hinüber. Rosafarbene Diplomatie.

© Johanna Floss