Ein Tag am Meer

Früher, da lagen wir am Strand. Genauer gesagt vor einigen Jahren, objektiv betrachtet; Subjektiv, gefühlt vor einer Ewigkeit. Wir lagen am Strand. Weder im Sand, noch prall in der Sonne, sondern einfach nur am Strand, auf unseren Liegen. Meistens mit einem Glas in der Hand. Kein Becher und auch keine Plastikflasche. Echtes Glas mit einem Inhalt, der unser breites Lächeln im Gesicht noch breiter machte. Allein, nur wir zwei auf unseren herrlichen Liegebetten. Die anderen zehntausend Strandbesucher ausklammernd und vergessend. Nur wir.

Heute. Im Hier und Jetzt, ebenso gefühlt, sitzen wir im Sand oder in der prallen Sonne, darauf bedacht, dass die Kinder im Schatten sind. Schwitzend. Die Schweißperlen von unserer Stirn tropfend. Ein Plastikbecher mit warmen Wasser in der Hand, jedoch dürstend nach etwas Kühlem. Trotzdem ein Lächeln im Gesicht.

Du nimmst deine Liege und trägst sie unter einen anderen Schirm. Dürstend nach Ruhe. Nach der ruhigen Zeit vergangener Zeiten. Fragen der Kinder überhörend, mit Falten an der Stirn. Der Sand juckt, das Salzwasser brennt in den Augen. Und doch. Und trotzdem. Und vielleicht sogar deshalb ist das Lächeln nun noch breiter als früher. Meines sowieso, deines aber auch. Unser Lächeln.

Ihr wollt Eis, kühles Wasser zu trinken. Schwimmen im Meer, im Pool. Wir sollen Wasser holen kübel- und literweise. Ihr erteilt Befehle und wir sind die Befehlsempfänger, die Ausführenden, eure Diener. Ihr seid voll mit Sand paniert, wir ebenso. Ihr freiwillig, wir gezwungenermaßen. Ihr findet es fantastisch, kreischt vor Lachen.

Früher hätte uns allein der Sand am Handtuch zur Raserei gebracht. Früher hatten wir den Leuten, diesen Eltern, mitleidig zugesehen. Zugesehen beim Wasser holen, Kübel für Kübel in uns hinein gelacht. Wie hatten wir diese Eltern bemitleidet. Die Ärmsten, hatten wir uns gedacht. Anstatt gemütlich auf der Liege den Wellen zuzusehen, plagen sie sich ab. Für Ihre Kinder. Wir hätten uns angelächelt, glückselig, einfach nur liegen zu können.

Und heute? Heute Blicken wir uns wieder an. Glückselig über so viel Glück. Dankbar für diese Momente. Dafür, dass wir im Sand sitzen dürfen. Im Sand mit euch gemeinsam. Und wenn uns kurz ein Gedanke an die ruhige Zeit von früher überkommt, dann blicken wir euch an. Und spätestens dann, wenn uns ein paar Augen unter dem weißen Sonnenhut hervorblitzend ansehen und ein kleiner Mund zum ersten Mal das Wort der größten Bedeutung am Strand hervorbringt, dann brechen wir nieder vor Vergnügen. Vor Ironie und Dankbarkeit, dass dieses Früher von dem Heute abgelöst wurde. „Sassa“, mit einem kleinen entgegen gestreckten Kübel. Ein Mehr an Worten bedarf es nicht. Und mit einem breiten Lächeln im Gesicht holen wir kübel- und literweise Wasser. Wasser vom Meer.

© Johanna Floss