Eine Insel

Wir fuhren los. Zwei Kinder hinter und 900 Kilometer vor uns. Ein Abenteuer für unsere kleine Familie. Hinein ins bunte Leben. Endlich, endlich frei sein. Das Leben wartet!

Ich versuchte die Gedanken zu verdrängen: Knapp ein Jahr zuvor dieselbe Situation. Doch es war damals kein Hinein-ins, sondern ein Weg-von. Wollten damals alles hinter uns lassen. Einfach fort. Fort, um zu vergessen. Ein Gerichtsverfahren, ein Urteil mit seinen Folgen. Einfach vergessen.

Doch diesmal wollte ich nicht vergessen. Ich war in diesem Jahr gereift, ernüchtert, und erfahrener geworden. Wusste, dass man das Leben nicht hinter sich lassen kann. Es fährt mit. Immer. Fortlaufen geht nicht. Denn es holt einen jeden ein. Ein Gesetz.

Wir fuhren also diesmal hinein ins bunte Leben, hinein in eine Auszeit, die mit einer mehrstündigen Autofahrt begann. Zwei kleine Kinder, Sorgen und viel Vorfreude im Gepäck. Der Sorgenkoffer lag ganz unten. Nicht dazu da, um ausgepackt zu werden.

Kurz vor der Zwischenstation - mitten in der Nacht - seid ihr beiden erwacht. Zuerst unser Lichtblick, danach unser Glück. Hellwach und gut gelaunt. Wir sehen uns an. Ich in deine blauen Augen, du in meine grünen. Ich sehe Licht, Leben. Endlich!

Wir lächeln, schmunzeln und lachen innerlich. Schleppen euch ins Hotelzimmer. Wir müde, ihr auf Party ausgerichtet. Ihr tanzt am Bett. Und unsere Blicke kreuzen sich wieder. Das Leben hat uns zurück, wir nehmen daran teil. Wir sind Kapitän, nicht Passagier.

Nach einer Stunde des fröhlichen Wahnsinns fallen wir alle vier ins Bett und schlafen. Ihr gleicht zwei kleinen Engeln. Ihr habt uns in dieser Nacht daran erinnert, dass wir für euch leuchten müssen. Ihr habt ein Recht darauf. Unsere Probleme sind nicht die euren.

Zeitig in der früh öffnet ihr die Augen, seid voller Lebenslust. Ansteckend, und wir brausen los, die restlichen Kilometer mühelos abspulend. Eine Woche Italienurlaub, nur wir vier. Wir sind eine Insel.

Es wird eine Woche der Glückseligkeit. Wir finden unsere Leichtigkeit wieder. Können nach zehn Monaten wieder lachen. Herzhaft. „Wir haben uns, was kann das Leben uns schon anhaben“, kommt mir in den Sinn. Nichtsahnend, welche dunklen Gewitterwolken sich zuhause an- und einschleichen. Ahnungslosigkeit kann gut tun. Im Nachhinein betrachtet. Wir sind eine Insel, dachten wir.

Als wir uns nach einer Woche auf den Rückweg machen, ist der Sorgenkoffer nicht leer, aber platt gedrückt. Die anderen Koffer prall gefüllt mit Mut, Liebe und Luftigkeit. Wir rollen die Kilometer ab, bedächtig. Singend, genervt und freudvoll. Wir vier sind eine Insel. Wie überzeugt wir waren.

Zuhause angekommen voller Pläne, fröhlich. Und jäh trifft uns unmittelbar die Nachricht. Ein Gehirntumor, Glioblastom, diagnostiziert bei deinem Vater. Wie aus dem Nichts. Tränen des Glücks weichen jenen des Schocks, der Trauer. Und wieder trifft uns die Realität, das Leben. Doch wir sind eine Insel. Sind eine Insel. Eine Insel.

© Johanna Floss