Zwei Jahre

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Zwei Jahre | story.one

Ich starre auf das Datum. Langsam verschwimmt es zwischen meinen Tränen. Zwei. Acht. Sieben. Zwei. Null. Eins. Sieben. Ich fahre hoch und erschrecke. Zwei Jahre! Wo sind sie geblieben? Es ist doch als wäre es gestern erst gewesen:

Da war es, das Urteil. Ich hielt Blickkontakt zu ihm, wartete bis die Fremden endlich den Weg zu ihm frei machten. Ich brach innerlich zusammen, schleppte mich die paar Schritte nach vorne. Zu ihm, meinem Mann. Ich wollte ihn einfach in die Arme nehmen, denn dann war immer alles gut. Nur diesmal, diesmal war alles anders.

Ich taumelte. Wir taumelten. Uns war mit einem Mal der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Der Glaube an Recht und Gerechtigkeit war mit einem Schlag verloren.

Wir fuhren nachhause. Die Tränen verschleierten meinen Blick. Ich hielt seine Hand und er meine. Wir klammerten uns aneinander. Jeder in der Hoffnung, nicht unterzugehen. Der Sog aber war stark. Ein einzelner Moment und alles war anders.

Zuhause angekommen war ich schlagartig erwachsen geworden. Erwachsenenprobleme, die vor Kindern zu verstecken sind. Eine heile Welt, die erhalten werden muss. Eine Kinderwelt.

Ich stieg aus, trocknete meine Tränen. Wir nahmen uns an der Hand und gingen zur Türe. Noch einmal ein Blick. Ein Blick in seine Augen. Geknickt, aber nicht gebrochen. Sein Stolz getrübt, aber nicht erloschen. Wir atmeten tief durch und betraten sie, unsere Insel.

„Mami, Papi!“ Unser vierjähriges Mäuschen lief uns entgegen, direkt in unsere Arme. Wir umarmten sie lange. Und fest, denn dann war immer alles gut. Doch diesmal nur für sie. Ich nahm sie bei der Hand, unseren kleinen Sohn in den Arm. Wiegte sie in den Schlaf, gab ihm zu trinken. Alles wie immer und doch wird nie wieder auch nur etwas so sein, wie es früher einmal war.

Ich starre vor mich hin. Ich sehe alles vor meinem geistigen Auge, als wäre es gestern gewesen. Zwei Jahre - wo sind sie geblieben? Die Zeit war an uns vorübergeschritten. Ohne uns. Ohne uns zu beachten. Vorüber gegangen, als hätte sie uns missachtet. Ohne uns waren ein Sommer, ein Herbst und ein Winter vergangen. Ohne uns war unser Sohn groß geworden.

Erst nach einem Jahr waren wir mühevoll wieder auf die Beine gekommen, waren wir bereit gewesen, mit und unter geänderten Vorzeichen am Leben teilzuhaben und teilzunehmen. Bereit gewesen, im Hier und Jetzt zu leben und hoffnungsfroh - nicht hadernd mit der Vergangenheit - in die Zukunft zu blicken. Doch in genau diesem Moment, als nach der Ernüchterung das Leben in seiner Fülle langsam zurückgekommen war, erhielten wir die Diagnose, seine Diagnose.

Ein Prozess. Das Urteil. Die Diagnose. Sein Tod. Zwei Jahre unseres Lebens.

„Mami!“, ihr reißt mich aus meinen Gedanken, aus der Vergangenheit und den Überlegungen an das nach wie vor offene Ende unserer Geschichte. Ich wische meine Tränen weg und betrachte euch. Ihr seid unser Glück, unser Lichtblick. Ich lächle euch an, stehe auf und reiche euch die Hände. Gemeinsam gehen wir Papi entgegen. Hand in Hand.

© Johanna Floss 05.08.2019