Füchse

„Mami, da Löwe!“ Mit großen Augen lugt dein zweijähriger Bruder auf der Couch sitzend zur Terrasse hinaus. „Löwe mein Flassi will!“ Die Augen werden noch größer und ängstlicher der Tonfall.

Und jäh fühle ich mich um Jahre zurückversetzt, in die Zeit, als bei uns imaginäre Füchse Einzug hielten. Sie waren überall: In der Küche, im Wohnzimmer, in deinem Zimmer: „Mami, ein Fuchs!“

Anfänglich war ich verunsichert. „Wo sitzt er denn?“, frage ich dich. Du siehst mich an: „Beim Küchentisch.“ „Soll er dort sitzen?“, frage ich weiter. Du überlegst: „Nein, sonst frisst er mich.“ „Wenn du Angst hast, dann schmeiße ich ihn hinaus. Das ist unsere Wohnung und eingeladen haben wir ihn nicht.“ Du nickst. Ich stehe auf, gehe zu der Stelle, auf die dein Zeigefinger gerichtet ist. Wenn mich jetzt nur kein Nachbar sieht, denke ich, öffne die Terrassentüre, packe den Fuchs und setze ihn an die Luft.

Tage später ertönt aus deinem Zimmer ein Schrei: „Mami!“ Ich stürze herbei, erwartend dich Blut überströmt vorzufinden. Du stehst da mit deinen drei Jahren und zeigst auf eine Zimmerecke: „Fuchs!“ Ich komme näher. „Wie sieht er denn aus der Fuchs? Ich sehe ihn so schlecht“, sage ich zögerlich. „Er ist klein“, antwortest du, deinen Blick nicht abwendend. „Ist er alleine?“, bohre ich nach. „Nein, siehst du denn seine Geschwister nicht? Und seine Eltern?“, gibst du erstaunt zurück. Eine Fuchsfamilie also: „Hinaus damit?“ „Ja bitte!“

Gut, ich bin 33 Jahre alt. Ich habe studiert, diplomiert und promoviert. Habe ein Kind mit großem Kopf zur Welt gebracht, da werde ich das wohl auch schaffen, rede ich mir zu, öffne die Terrassentüre und trete an die von dir angewiesene Stelle heran. Ich breite meine Arme aus: „Ich habˋ die Mutter.“ „Das ist der Papa“, korrigierst du. Ich schnappe also den imaginären Fuchspapa und setze ihn vor die Türe. Dann die Kinder 1, 2, 3, 4 und 5. Zum Schluss die Mutter. Du bist zufrieden.

Die Füchse erscheinen nun täglich. Und jedes Mal das gleiche Prozedere. Selbst Papi fasst mit an, öffnet die Terrassentüre, ergreift die Füchse und befördert sie nach draußen: „Erzählen darf man das niemandem!“, flüstert er mir zu und setzt nach: „Normal ist das nicht.“ Die Füchse aber kommen und gehen über ein Jahr. Immer dann, wenn wir alleine sind. Wir erfinden einen Zauberspruch, den wir bei jeder Hinausbeförderung vorsagen. Er gibt dir Sicherheit und deine Angst wird etwas weniger. Zur gänzlichen Fuchs-Bekämpfung taugt er jedoch nicht. Erst als dein kleiner Bruder das Licht der Welt erblickt, lassen sich die Füchse nicht mehr blicken. Nie wieder.

Und nun sitzt dein kleiner Bruder bei mir auf der Couch, sein morgendliches Flaschi trinkend und sieht einen Löwen auf der Terrasse sitzen. Als wäre keine Zeit, keine Jahre, vergangen, stehe ich auf, öffne die Terrassentüre und verscheuche den Löwen mit einem Zauberspruch. „Gut. So. Ich jetzt mein Flassi tink“, sagt dein kleiner Bruder nunmehr sichtlich entspannt und räkelt sich wohlig unter der Decke. Na dann!

© Johanna Floss