Fürstenfeld

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Es ist ein lauer Frühlingstag. Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau, die Vögel zwitschern. Ich stelle mein Fahrrad ab, sperre es ab. Ich atme ein und aus, tief und fest. Wie mechanisch gehen meine Füße, setzt sich mein Körper in Bewegung. Ich gehe durch die Türe, sie öffnet automatisch, und ich verschwinde in einer Welt, die jener vor der Türe so gar nicht gleicht.

Ich klopfe und trete ein. Du liegst da, deine Augen blitzen und lachen mich an. Du bist da!, sagen sie. Ich setze mich an dein Bett, nehme deine Hand und betrachte dich. „Hallo“, sage ich. „Ja die Johanna“, antwortest du. Du bist da! Du! , ruft mein Herz. Du lächelst zufrieden. Und ich bin glücklich, in diesem Moment.

„Willst du dein Joghurt mit mir essen?“, frage ich dich. Du nickst. Und so führe ich Löffel für Löffel der weißen Masse in deinen Mund. So wie du es noch vor ein paar Tagen selbst gemacht hast. Ohne Hilfe. Doch ein neuer Abschnitt ist eingeläutet. Du haderst nicht damit, sondern ergibst dich ihm. Ich mache es dir gleich. Ohne zu hadern, ohne nachzudenken.

Unsere gegenseitige Stille wird unterbrochen, es klopft an der Türe. Es ist die Musiktherapeutin. Vor einem Monat noch hättest du sie freundlich aber bestimmt nach draußen befördert. Mit solch einem Schnickschnack hattest du nichts am Hut. Doch nun ist alles anders, heute lächelst du sie an.

Ich versuche die Titel jener Lieder zu rekonstruieren, die du selbst in den Kindertagen deines Sohnes auf der Gitarre gespielt hast. Vielleicht erweckt eines dein Du und lässt das Glioblastom, den Tumor in deinem Gehirn, weniger stark hervortreten.

Die Musiktherapeutin legt sich ins Zeug mit Stimme und Gitarre. Sie gibt alles, spielt Schlager, doch sie treffen nicht dein Inneres. Dein Blick verwässert und ich verliere dich wieder. „STS!“, rufe ich nach einem Geistesblitz. „Können sie ein Lied von STS spielen?“ Und da ist es wieder, das Blau in deinen Augen. Ich habe dich zurück!

Sie hätte nur ein Lied, aber das singt sie mit starker Stimme und lauten Gitarrenklängen. Das Hospiz rockt, jeder Ton ist auf den sonst eher ruhigen Gängen zu hören. Laut und rhythmisch tönt durch das gesamte Haus: „I wü wieda ham...“ Dein Fuß wippt, deine Augen lachen.

Es ist skurril, traurig und gleichzeitig wunderschön. Wir haben Spaß, wir zwei, für einige wenige Minuten. Es werden die letzten sein, in denen ich dich erlebe. In denen du da bist, bei mir, denn der Gehirntumor lauert bereits. Er will sich und seine Fratze uns endlich bekannt machen.

„I wü ham nach Fürstenfeld!“ Der letzte Ton ist verklungen, der Zauber gebrochen. Die Stille greift nun ernüchternd um sich. Die Musiktherapeutin bedankt sich, dass sie für dich spielen durfte. „Gerne“, spricht der Tumor aus dir. „Ich habe zu danken“, hättest du gesagt, aber du sprichst kaum noch. Er redet nun für dich. Ich hasse ihn.

„Nächsten Mittwoch komme ich wieder“, sagt sie und geht. Doch einen nächsten Mittwoch wird es weder für dich noch für deinen Tyrannen geben. Denn nächsten Mittwoch bist du tot.

© Johanna Floss