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Fest, ganz fest

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Fest, ganz fest | story.one

Es ist Freitag. Aber nicht einfach ein Freitag. Es ist ein besonderer Freitag für Österreich und auch ein besonderer für uns, mein jüngster Bruder wird 30. Und doch ist es nicht nur sein Geburtstag. Es geht um mehr.

Wir parken das Auto. Die Sonne scheint, der Himmel ist blitzblau. „Aussnallen!“, ruft der 3-jährige, während du mit deinen knapp 7 Jahren bereits aus dem Auto springst. „Ich laufe schon mal vor!“, schreist du aufgeregt mit roten Wangen und WUMMS ist die Autotüre zu. „Ich auch raus will!“ Ungeduldige Vorfreude. Vorfreude pur. Als wäre Weihnachten, so führt ihr euch auf, so fühle ich mich. Als würde heute das Christkind kommen. Endlich.

Als wir endlich aus dem Auto raus sind, den Kleinen aus seinem engen Autositz befreit haben und beim Haus ankommen, sehe ich dich. Fest umschlungen klebst du regelrecht am Bauch von Omi. Es ist keine gewohnte, keine übliche Begrüßungsumarmung. Es ist eine UMARMUNG.

Langsam lockert sich dein Griff, du legst den Kopf in den Nacken, schüttelst dein langes haselnussbraunes Haar und strahlst jene Person an, auf deren Umarmung du dich seit gestern Abend freust: Omi. Nachdem du sie losgelassen hast, sprinten deine Beine zum Nächsten: „Opi!“, rufst du und wirfst deine Arme um seinen Bauch. Kopf an Bauch und fest drücken. Ganz fest.

Dein kleiner Bruder bleibt stehen. Er zögert, weiß nicht, was er tun soll. Abstand halten, auf Distanz bleiben, waren jene Worte, die die letzten Wochen geprägt haben, die selbst ihn in seinem kleinen Alter geprägt zu haben scheinen. „Oma, Abstand“, hatte er bereits vor ein paar Wochen die andere Oma ermahnt, nachdem sie ihm sehr nah gekommen war. Seit gestern Abend weiß er, dass er heute die Omi wird umarmen dürfen: „Mein Kopf auf den Bauch von Omi“, hatte er gestrahlt. „Und Buch vorlesen?“, hatte er zaghaft mit leiser Stimme nachgefragt. „Und auch Buch vorlesen“, erhielt er als Bestätigung und sein Grinsen konnte nicht mehr gestoppt werden. Mit Omi lesen und dabei fest kuscheln, ganz fest. Sein einziger Wunsch.

Nun steht er ihr, der Omi gegenüber. Omi, seufzen seine Augen. Und doch steht er einfach nur da. Verunsichert streckt er seinen Arm nach hinten, sucht meine Hand. Ich gehe in die Hocke und flüstere ihm ins Ohr: „Häschen, du darfst Omi wirklich umarmen.“ Und dann ist es soweit, er lässt meine Hand fallen und geht die zwei Schritte, die ihn noch von seinem Objekt der Begierde trennen, nach vorne. Er breitet seine kleinen Ärmchen aus, ganz weit, und gräbt seinen Kopf in Omis Bauch. Er hält sie fest, ganz fest. Eine Ewigkeit bleibt er in dieser Umarmung. Er hält und drückt und umarmt. Sein Kopf auf Omis Bauch. Ganz lange, für eine Unendlichkeit.

Ich speichere es ab, dieses Bild, in meinem Kopf. Und jetzt erst wird mir bewusst, wie schmerzvoll die letzten Wochen für ihn, für euch, für uns alle gewesen sind. Erst jetzt beginne ich zu begreifen. Erst jetzt, nach 8 langen Wochen, gehe ich auf sie zu und drücke meinen Kopf an ihre Schulter. Und ich halte sie fest, ganz fest. Meine Mama.

© Johanna Floss 09.05.2020

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