Frau. sein. Gewalt. frei.

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Frau. sein. Gewalt. frei. | story.one

Ich quere die Straße, schlendere. Es ist Sommer und heiß. Ich bin 20 Jahre alt, trage einen kurzen Rock und ein Lächeln im Gesicht. Männerköpfe drehen sich nach mir um, sie schauen, stieren, gaffen. Sie pfeifen mir nach, johlen, machen Gesten, die mich rot werden lassen. Ich fühle mich unwohl, irgendwie schmutzig. Ich ziehe meinen Rock nach unten, werde schneller. Mein Lächeln ist erloschen. Am nächsten Tag trage ich einen langen Rock. So will ich mich nicht mehr fühlen, so schutzlos und schmutzig.

Er ist unauffällig. Unauffällig in seinem Aussehen, in seiner Mimik. Sein Wesen als Kontrastprogramm zu seiner Tat. Es ist doch nur eine b`soffene G`schicht und gewehrt hat sie sich ja auch nicht. Sie, die nicht mehr fähig war, sich alleine auf den Beinen zu halten. Ist doch nur Spaß. Da legt man sie halt auf den Tisch und nimmt eine Kerze. Für romantischen Kerzenschein war die Kerze nicht gedacht. Ich bin 22 Jahre alt, und sitze nach meinem Jus-Studium als Protokollführerin neben Richter und Schöffen. Ich bin für drei Monate in der Jugendstrafrechtsabteilung des Landesgerichtes und lerne das Leben kennen, wie es auch sein kann. Schändung. 17 und 18 Jahre alt sind die Täter, das Opfer ist 6 Jahre jünger als ich.

Sie war klein, hübsch und gepflegt. Ihr Äußeres als Kontrastprogramm zu ihrem Leben. Sie wurde vergewaltigt, geschändet und gezwungen, in diversen Clubs Dinge zu sehen und zu tun, die sie niemals hätte sehen oder machen wollen; von ihrem Ehemann. Ich sitze ihr gegenüber, bin 24 Jahre alt und mache ein dreimonatiges, unbezahltes Praktikum bei einer Interventionsstelle für Frauen, denen Gewalt widerfährt. Ich lerne die Spirale der Gewalt kennen und das Leben, wie es auch sein kann.

Ein Lokalaugenschein. Ich in der Mitte. Rechts neben mir die Assistentin, links die Sachverständigen. Ich bin 26 Jahre alt, der Antragsteller ist Ende fünfzig. Machomäßiges Geplänkel von ihm, wie schön es nicht die Sachverständigen hätten, mit zwei so netten Damen neben sich. Ich stelle Fragen, bin Verhandlungsleiterin. Er richtet seine Antworten ausschließlich an die männlichen Sachverständigen. Er ignoriert mich, weil ich eine Frau bin.

Die Fälle sind nicht miteinander vergleichbar. Weder in der Art noch in der Intensität der Gewalt. Doch sie alle sind Beispiele von Gewalt an Frauen.

Ich sitze nun, Jahre später, nachdem ich erfahren und erlebt habe, neben dir. Ich betrachte dich. Du bist bald 7 Jahre alt, wissbegierig, freundlich und fröhlich. Du glaubst an das Gute im Menschen, beobachtest genau und erkennst, wo Gefahr lauert. Doch wie soll ich dich auf Gefahren dieser Welt vorbereiten, auf Gefahren, denen du nur deshalb ausgesetzt bist, weil du als Mädchen geboren wurdest?

Es liegt an mir und an Papi, dir klar zu machen, dir aufzuzeigen und zu erklären. Dich zu stärken, denn dich davor bewahren können wir nicht. Du sollst dein Leben leben, deine Erfahrungen machen. Aber die sollen frei von Gewalt sein, damit du frei von Gewalt Frau sein kannst.

© Johanna Floss