Geschimpfe

„Himmel, lass diesen Tag vorüber gehen!“, rufe ich. Es ist 7 Uhr 20. Ein neuer Tag hat erst begonnen und wir stehen im Badezimmer. Ich vor dir und du vor mir. Einander anblickend, mit zusammengekniffenen Augen und vor Zorn geröteten Wangen.

Jeden Tag das Gleiche. „Ich hab nichts anzuziehen!“, tönst du mit deinen sechs Jahren. Dein Kasten quillt über. Nur du, du findest wieder nicht das Richtige. Gewohnheitsgemäß mache ich einen Vorschlag, wohlwissend, dass dieser wie die anderen abgelehnt werden wird. „Nein, bitte Mami, etwas anderes!“

Und nun stehen wir uns gegenüber. Nichts passt, jeder hat schönere Kleider als du. Armes Kind, selbst die Mutter trägt besseres: „Du hast viel schöneres Gewand als ich!“ Früher hieß es noch: „Mami, du hast nette Sachen, aber meine Kleider sind viel schöner.“ Doch innerhalb eines Jahres hat sich dein Geschmack komplett geändert - früher Kleider und tres chic, heute Hosen meist geflickt. Du befindest dich mitten in der Vorschulpubertät und wir sind dabei. Juhu!

„Zieh an, was du willst, aber zieh dich endlich an!“, schimpfe ich. „Während du noch immer rätselst, was dir heute zu tragen genehm ist, habe ich deinen kleinen Bruder und mich fertig gemacht!“ Mein Ton wird schärfer, meine Stimmung schlechter. Heulend wie ein zickiger Teenie wirfst du dich auf´s Bett. „Himmel, lass diesen Tag vorüber gehen“, murmel ich die Badezimmertür zuschlagend.

Dein kleiner Bruder, sich ein Beispiel nehmend, fängt nun auch zu schreien an. Nicht, weil er keine schönen Röcke hat, sondern weil er sich weigert, von Papi die Zähne geputzt zu bekommen: „Mami soll!“ Nun entsteht eine Diskussion darüber, ob ein Zweijähriger seinen Zahnputzer selbst aussuchen können darf und soll, oder eben nicht. Ich bin eindeutig für letzteres. Aber Papi hebt resignierend die Arme und drückt mir die Zahnbürste mit den Worten in die Hand: „Ich muss ins Büro.“ Haucht mir einen Kuss auf und verschwindet in die Oase der Ruhe, zumindest meiner Meinung nach. Ich putze deinem Bruder die Zähne, zähneknirschend. Meine gute Laune ist verschwunden. Keine Ahnung, wohin. Dann erscheinst du: Angezogen und freudestrahlend: „Mami, ich bin fertig. Vertragen wir uns wieder?“

Wir fahren in den Kindergarten mit dem Fahrrad. Geschimpfe. Neuerlich: „Helm, Aua, Passt nicht mir! Will Auto fahen!“ „Und mir gefällt mein Helm nicht, Mami. Lillifee mag ich nicht mehr. Ich will bitte einen neuen Helm!“ Während ich mit Tasche, Rucksack und Fahrradschloss kämpfe, schimpfe ich: „Ich will auch viel!“, und denke um 8 Uhr 25 an Hochprozentiges.

Als wir im Kindergarten ankommen, blickt mich dein kleiner Bruder lieb an: „Mami wieda föhlich?“ Ich seufze, lasse mich auf die kleine Garderobenbank plumpsen: „Natürlich bin ich wieder fröhlich.“ Und du, du starrst mich an, auf meine Füße, und prustest los. Toll, nun werde ich auch noch ausgelacht, denke ich genervt. Doch dann entdecke ich einen blauen Schuh am linken Fuß und einen rosanen am rechten. Wir lachen los. Himmel !

© Johanna Floss