Hallo, Tod!

Oder wie darf ich Sie ansprechen? Sehr geehrter Herr Sensenmann? Guten Tag Herr Knochenmann? Oder bevorzugen Sie Todesengel, quasi geschlechtsneutral? Ich bleibe jedenfalls vorsichtshalber beim höflichen Sie - das Du wäre mir Ihnen gegenüber zu distanzlos. Denn unter uns gesagt, derzeit halte ich Sie doch noch lieber auf Distanz, wenn Sie verstehen was ich meine.

Sie scheinen ein Mann von Welt zu sein - ohne Sie auf ein Geschlecht festnageln zu wollen. Wen haben Sie nicht schon aller getroffen und mitgenommen! Jedermann war genauso dabei wie Doktoren, Politiker, Könige und Literaten. Schauspieler, Architekten und Maler. Fühlen Sie sich geehrt, alle persönlich zu kennen? Und wie weit Sie herumkommen! Jeden Winkel der Erde bereisen Sie! Ist es Ihnen Leid, dabei keine Zeit für Sehenswürdigkeiten zu haben?

Sind Sie eigentlich einsam? Willkommen geheißen werden Sie nicht allzu oft, oder? Ihre Follower und Freundschaftsanfragen werden sich wohl auch in Grenzen halten - sind Sie deshalb neidisch auf uns Menschen? Wären Sie gerne einer von uns? Fast empfinde ich Mitleid.

Apropos: Haben Sie manchmal Mitleid mit uns Menschen? Weil wir Ihnen so ausgeliefert sind, Ihre Existenz so machtlos und ohnmächtig hinnehmen müssen? Oder fühlen Sie sich mächtig wie ein Herrscher? Weil Sie ausnahmslos jeden Kampf gewinnen? Oder ist es vielleicht für Sie gar kein Kampf, sondern vielmehr eine Pflicht, Ihre Tätigkeit auszuüben? Und diese Pflicht wird lediglich zum Kampf, weil wir Menschen uns nicht machtlos ergeben, sondern am Leben hängend eben um dieses kämpfen?

Vielleicht bereitet Ihnen Ihre Arbeit gar keine Freude? Niemand trifft gerne auf Sie und im Team arbeiten Sie auch nicht. So hackeln Sie einsam vor sich hin, ernten niemals Lob und Anerkennung. Manche menschliche Berufsgruppe kann Ihnen gewiss nachempfinden.

Machen Sie sich überhaupt über all das Gedanken? Denken Sie über Ihre Opfer nach, oder sprechen Sie eher von Klienten? Führen und studieren Sie Akte? Wissen Sie über jeden einzelnen Bescheid, kennen Sie unser aller Vita? Oder arbeiten Sie ähnlich einem Auftragsmörder ohne Rücksicht auf Ihre Auserwählten?

Verzeihen Sie meine unendliche Anzahl an Fragen. Ich bin nur neugierig, interessiert, ohne an Ihnen ad personam interessiert zu sein. Sie führen ein Schattendasein in unserer Gesellschaft. Mit Ihnen werden all jene Menschen, die todbringend erkrankt sind, deren Angehörige und jene, die eben für diese Menschen da sind - ob palliativmedizinisch, ehrenamtlich, pflegend oder seelsorgerisch - in den Schatten gedrängt. Und dies, obwohl gerade diese Menschen Sie als das annehmen, was Sie sind: unabänderlich und unvermeidbar.

Möglicherweise sollten wir Menschen lernen, mit Ihnen zu leben. Möglicherweise verlieren wir dann ein wenig die Angst vor Ihnen und holen all diejenigen, die nur mehr auf Sie warten, aus diesem Schatten hervor. Denn dorthin gehört kein Mensch, sondern nur ein Liegestuhl an heißen Sommertagen.

© Johanna Floss