Heiratssache

Wir sitzen am Boden. Du und ich. Sitzen am Boden und spielen Barbie. Dein Lieblingsspiel. Während dein kleiner Bruder schläft, gehöre ich dir voll und ganz. Diesen Umstand nutzt du. Du bist Drehbuchautorin, Regisseurin und Darstellerin in einem. Du teilst die Rollen ein. Du gibst den Text vor. Klischeehaft.

Doch du hast dich noch nie irgendwelcher Klischees bedient. Bei dir wird geheiratet: „Willst du mich heiraten?“ „Nein, leider habe ich heute keine Zeit“, höre ich die Auserwählte antworten. Ich will bereits zu einer Erklärung übers Heiraten und den richtigen Zeitpunkt ansetzen, als ich die Reaktion der Verschmähten vernehme: „Na gut, dann ein anderes Mal.“ Die Barbies küssen sich und gehen gut gelaunt ihrer Wege. Ich glaube ich habe noch viel von dir zu lernen.

„Und wen willst du einmal heiraten?“, frage ich das Spiel unterbrechend. Du schaust mich mit großen Augen verständnislos an. Ich rechne mit jeder Antwort. „Na meinen kleinen Bruder natürlich!“ Ich nicke mit offenem Mund. „Weißt du Mami, er ist der schönste Mann der Welt!“ Allein die Bezeichnung „Mann“ lässt mich schmunzeln. Der kleine Mann ist ganze vier Monate alt. „Aber er ist noch ein bisschen klein“, wende ich ein. „Ach, der wächst doch von allein. Ich warte schon bis er größer ist.“ Da bin ich erleichtert. „Ja, dann könnt ihr das ja später klären“, versuche ich diversen Erklärungen zu entgehen.

„Was gibt es da zu klären? Ich heirate ihn und er mich. So einfach ist das.“ Wie einfach die Kinderwelt sein kann. Ich versuche nun das Thema zu wechseln: „Papi kommt bald nachhause.“ „Weißt du Mami, Papi wäre mir zu alt, der hat so viele Falten.“ Ich pruste los. „Warum lachst du? Die sieht doch jeder!“ Himmel!

„Wie habt ihr euch eigentlich gefunden, Du und Papi?“ Offenbar beschäftigt dich das Thema sehr. Ich erzähle dir unsere Liebesgeschichte. Unsere Geschichte und die Sache mit der Suche nach der wahren Liebe. „Da bin ich aber froh, dass ich nicht suchen muss“, sprudelt es aus dir heraus. „Mein Bruder wohnt ja bei uns!“ Ich versuche nun das Gespräch wirklich woanders hinzulenken. Doch hartnäckig, wie du bist, kommt es ganz anders.

Plötzlich sind Kinder das Thema. „Und unsere Kinder heißen dann...“ Schockiert unterbreche ich dich: „Unsere Kinder?!“ Meine Alarmglocken läuten. „Ja meine und seine!“ Gut, nun muss ich einschreiten. Zaghaft und behutsam versuche ich dir die Problematik näher zu bringen: „Ihr habt das gleiche Blut.“ Die daraus resultierenden Folgen nimmst du mit Tränen in den Augen auf. „Das will ich nicht, dass unsere Kinder dann krank sind“, schluchzt du. Du vergräbst deinen Kopf in meiner Schulter. Was hätte ich nur tun sollen? „Ich liebe ihn doch so sehr“, stößt du hervor.

Das Ende des Tages ist erreicht; die Emotionen beruhigt. Das Schicksal wird hingenommen. Kurz vor dem Einschlafritual blickst du mich in deinem himmelblauen Einhornpyjama fröhlich an. Wie ich dich liebe! „Weißt du Mami, dann heirate ich halt Theo. Der ist auch hübsch!“

© Johanna Floss