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Herz und Verstand

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Herz und Verstand | story.one

Sie öffnet die Augen. Es ist 4:15 Uhr. Sie fasst den Entschluss: Heute will ich es sehen, mit eigenen Augen.

In der Früh wecken sie ihre Kinder, trinkt sie mit ihrem Mann den Kaffee. Wie immer. Nach dem Frühstück geht sie ins Bad und kleidet sich an. Alles wie immer. Und doch ist heute Schluss damit. Mit immer.

Sie nimmt, was sie benötigt, schlüpft in ihren Mantel, haucht: „Tschüss“. Leise fällt die Tür ins Schloss. Sie geht zu ihrem Fahrrad, sperrt es auf.

Wie aus der Vogelperspektive beobachte ich mich. Ich fahre den Bach entlang, sehe die Blumen am Schulweg meiner Tochter, überquere die Straße. Alles wie immer. Wäre da nicht das Schild „Busterminal geschlossen“. Wäre da nicht eine Universität ohne Studenten, ein Schulgelände ohne Schüler. Alles wäre wie immer. Meinem Verstand ist diese Veränderung klar, aber mein Herz schreit: Es sind Ferien, es ist die Uhrzeit! Allein mein Herz will nicht akzeptieren. Und ich mit ihm.

Ich habe das Ankommen der neuen Realität erkannt, bemerkt und doch irgendwie verweigert. Heute möchte ich sehen, mit eigenen Augen. Sehen, um zu verstehen.

Ich quere die Hauptstraße. Mein Weg führt am Gerichtsgebäude entlang - verlassen. Die Bäckerei am Kajetanerplatz lässt mein Herz vor Erleichterung hüpfen. Na siehst du, sagt es meinem Verstand: Alles wie immer, Leute vor der Bäckerei, Gelächter. Schau genauer hin, erwidert mein Verstand. Die Menschen dort tragen Mundschutz. Alles wie immer?, fragt er mein Herz provokant.

Die Geschäfte, die Restaurants sind geschlossen, ebenso wie meine Buchhandlung in der Kaigasse. „Kinder brauchen Liebe, Süßigkeiten und ab und zu ein Buch.“ Der Schriftzug in der Auslage leuchtet mir entgegen. Ällerlätsch, wie immer!, schreit mein Herz.

Schau genauer hin, ermuntert es der Verstand. Betrachte deine Stadt bis ins Detail: Keine Touristen. Verwaist liegen Mozartplatz und Residenzplatz vor dir. Menschenleere, wohin man blickt.

Erschöpft und desillusioniert setze ich mich auf eine Bank. Mein Herz weint, mein Verstand schimpft: Vier Wochen hattest du Zeit! Jede Nachricht, die ich gelesen habe, habe ich dir weitergeleitet, aber du hast dich der Realität gegenüber verschlossen! Kleinlaut pflichtet ihm mein Herz bei. Ist doch einfacher für das Leben, verteidigt es sich. Ja, aber nun sitzt du da und kannst es nicht fassen, tönt der Verstand. Seid still, fauche ich die beiden an.

Ich stehe auf, gehe weiter zum Domplatz. Die Türen des Doms stehen offen. Ich nehme seine Einladung an und betrete ihn. Ich bin allein. Ganz allein. Ich gehe nach vorne, setze mich. Spüre die Kühle des Doms, seinen Schutz. Ich spüre mein Herz, wie es ruhig wird. Und nun spricht mein Herz zum Verstand: Du hattest Recht, sagt es. Wir dürfen uns der Realität nicht verwehren. Es ist, wie es ist. Es ist nicht mehr wie immer, es ist anders geworden. So ist es, sagt der Verstand. Nicht wie immer. Aber, es wird ein anderes immer werden.

Ich sitze, spüre die Kühle des Doms. Mein Herz spricht und jetzt höre ich ihm zu.

© Johanna Floss 13.04.2020

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