Ich gehe jetzt!

Vier. Ich war vier Jahre alt. Doch gefühlt bereits erwachsen. Weise und sehr erfahren. So dachte ich.

In meinem Zimmer war die Welt der Unordnung zuhause. Alles Wichtige lag in Ecken. Kleidung lag zum jederzeitigen Wechsel bereit. In diesem Zimmer wurde gelebt. Gespielt. Aber nicht zusammen geräumt. Zumindest nicht von meiner Zimmergenossin. Aufräumen lag ihr nicht. Meine Dinge und Kostbarkeiten lagen niemals unordentlich herum. Dachte ich.

Meine Schwester war da anderer Meinung. Meine Mutter auch. Mein Vater ebenso. Unordentlich soll ich gewesen sein. Welch infame Unterstellung! Eines Tages war es soweit:

„Johanna, es ist Zeit. Räum endlich auf!“, rief meine Mutter. Gereizt. Unverschämt gereizt, wie mir schien. „Du hattest bereits den ganzen Tag Zeit!“ Dieser Druck. Konnte man nicht einmal in Ruhe spielen? „Ich sag`s dir schon seit gestern. Heute muss zusammen geräumt werden!“ Immer dieses Müssen. Müssen muss man gar nix, nur sterben, pflegte meine Oma zu sagen. Ich war eindeutig ihrer Meinung.

In der Türe erschien meine Mutter. „Komm in die Gänge. Dein Zeug liegt überall verstreut.“ Zeug? Meine Schätze so übel beschimpfen! Ich war entrüstet. Und verstreut? Erkannte meine eigene Mutter nicht mein Ordnungssystem?

„Ich war das alles gar nicht“, sagte ich triumphierend. „Wer soll es denn gewesen sein?“ Berechtigte Frage. „Meine Schwester. Schließlich wohne ich nicht alleine hier.“ „Das Gewand von deiner Schwester etwa?“ sagte meine Mutter während sie Kleidungsstücke hochhob. „Und die Steine, Taschen und Tücher?“ Gut, gehörte alles mir. War aber Zufall, purer Zufall.

„Du räumst jetzt zusammen Schluss.“ Sie drehte sich um und Wumms war die Zimmertüre zu. Und ich im Chaos alleine. Wie gemein das doch war! Warum sollte ich zusammen räumen? Hier wollte ich nicht mehr bleiben. Wirklich nicht! Ich sah mich um. Packte meinen Seesack. Die werden sich anschauen, dachte ich mir. So nicht!

Meine Mutter stand werkend in der Küche als ich mit Seesack bepackt ins Vorzimmer kam. Ich zog meine Schuhe an. Langsam. Meine Jacke. Dann blieb ich stehen. Zögerte. „Ich gehe jetzt“ sagte ich. „Wohin gehst du denn?“ fragte meine Mutter beiläufig. „Ich such mir eine neue Familie. Eine, die netter ist.“ Keine Reaktion. “Also, dann gehe ich jetzt. “ Ungerührt meinte meine Mutter:„Dann wünsch ich dir alles Gute und viel Glück!“

Ich stampfte mit dem Bein. Gut, dass ich diese Familie verlasse, dachte ich mir, wie herzlos! Ich öffnete die Türe. Und draußen war ich. Langsam fiel sie hinter mir ins Schloss. Nun stand ich mit dem Seesack in der Hand und vier Jahren am Buckel da. Wo sollte ich nur hin?

Ich weiß nicht, wieviele Minuten verstrichen. Meine Mutter hinter der Türe ängstlich, ob ich zurückkehren würde. Ich vor der Türe ängstlich, weil planlos.

Ich klingelte. Dann öffnete mir meine Mutter die Türe: “Nanu, doch keine andere Familie gefunden?“ „Ach, ich bleibe bei euch“, sagte ich mit einem breiten Lächeln im Gesicht, „was macht ihr denn ohne mich!“

© Johanna Floss