Ikea

Ihr sitzt da und es sprudelt regelrecht aus euch heraus: „Stell dir vor, da gab es so viele Wohnungen! Eine neben der anderen!“ „Wohnungen, viele!“, wiederholt der zweijährige Bruder.

Generation Ikea. Billy wohnt bereits seit Jahrzehnten bei uns. Pax und Malm haben ebenfalls bei uns Einzug gefunden. In meinem früheren Leben kam ich ohne einer Kleinigkeit aus dem Möbelriesen nicht heraus. Eine Sucht. Nun mit euch bin ich therapiert. Bin entsüchtet und erstaunt über meinen Therapieerfolg: Vor 18 Monaten war ich das letzte Mal dort! „Kinder, wir machen einen Ausflug zu Ikea!“ „Ikea? Was ist das?“, fragst du. Hier herrscht eindeutig eine Bildungslücke, denke ich mir. „Kommt, heute werdet ihr für`s Leben lernen!“

Beim Möbelriesen angekommen, wartet auf uns das erste Erlebnis: „Hollteppe!“, tönt dein kleiner Bruder fröhlich. „RolltReppe“, korrigierst du ihn und hüpfst vergnügt auf. Wie ansteckend kindliche Freude ist.

„Schau, da ist eine Wohnung! Und da noch eine!“ Du läufst beeindruckt von Einrichtungskoje zu Einrichtungskoje. Dein Schatten folgt dir nahtlos. Mit einigem Abstand bleibe ich stehen und betrachte belustigt das Schauspiel. Du lässt dich bequem auf einem Schaukelstuhl nieder, entdeckst ein Buch: „So eine schöne Wohnung! Im Spiel wohne ich hier und lese jetzt das Buch. Ich bin deine Mama, kleiner Bruder.“ „Nein, ich Mama!“, ruft er und geht auf Herbergssuche. „Posit Mami!“ Ich finde ihn in einem Wohnzimmer: Eine Couch. Ein Tisch. Ein kleiner Mann und zwei Weingläser. Eines davon hält er mir entgegen. „Ja, Prosit Häschen!“

Als wir zu den Betten gelangen hüpft ihr von Bett zu Bett: „Das ist ja wie bei Schneewittchen!“, rufst du begeistert. Nachdem ihr Betten und Matratzen zur Genüge getestet habt, will ich weiter. Doch dein kleiner Bruder meint: „Mami, ich Heia!“ „Wir gehen zuhause schlafen, komm jetzt“, sage ich und mache ein paar Schritte. „Ich müde“, spricht`s und schließt seine Augen. „Ich Heia.“ „Und ich gehe jetzt!“, sage ich und drehe mich um. „Tsüss Mami!“ Ich beobachte deinen kleinen Bruder aus dem Augenwinkel. Er bleibt liegen. Ausgestreckt, mit geschlossenen Augen und den Händen am Bauch.

Schlussendlich gelangen wir doch zu dritt zu den Küchen. Aufgeregt lauft ihr hin und her. „Noch eine Küche!“, schreit der Zweijährige euphorisch. „Ich hab auch eine gefunden!“, rufst du. Wie Ostereiersuche. „Ich kochen.“ Während dein Bruder zu kochen beginnt, bleibst du entsetzt vor einem Kühlschrank stehen: „Mami, der Kühlschrank ist gar nicht kalt! Da wird ja alles schlecht!“

Und nun sitzen wir erschöpft zuhause bei Tisch. „So ein toller Ausflug, Papi! Das kannst du dir nicht vorstellen. So viele Wohnungen! In so einer Siedlung will ich auch `mal leben!“ „Ich auch leben will!“, schreit unser Papagei dazwischen. Liebevoll blickst du ihn an: „Kleiner Bruder, wollen wir dann Nachbarn sein im Ikea?“ Nicht enden wollende Euphorie. Ikea-Euphorie. Papi sieht mich an. Starrt mich an: „Das sind eindeutig DEINE Gene!“

© Johanna Floss