In euren Armen

„Und Mami, ist es gut ausgegangen?“, fragst du mich mit banger Stimme. „Weißt du, ich hab` im Kopf gebetet, dass die sagen, dass Papi alles richtig gemacht hat“, sprudelt es aus dir heraus.

Ich stehe im Regen, in Wien. Wie soll ich dir erklären, was sich vor zwei Stunden für uns Maßgebliches ereignet hat? Unweigerlich drängen sich die letzten Tage vor meine Augen:

Ich sehe mich aus der Vogelperspektive ins Auto steigen. So lange winkend, bis ihr zwei nicht mehr zu sehen seid. Nur nicht weinen, sage ich mir vor. Denn wir werden verändert zurückkommen, Papi und ich. „Warum müsst ihr 3 Tage lang von uns weg?“, hast du mich traurig gefragt, als ich euch auf die bevorstehenden Tage vorbereitet habe. „Wir müssen zu Gericht, wo sie sagen, ob Papi richtig gearbeitet hat vor vielen Jahren oder ob er etwas falsch gemacht hat.“ Deine Augen werden groß: „Papi macht immer alles richtig!“ Ich setze meine Erklärung fort: „Mäuschen, das wissen wir. Papi ist ein guter Mensch, aber es gibt Leute, die sehen das anders.“ „Die sind böse!“, erwiderst du verächtlich. Wie erklärt man einer Sechsjährigen, die über all die Jahre unsere Sorgen und Ängste miterlebt hat, Rechtsprechung und Unrecht? Selbst dein kleiner Bruder merkt die sich steigernde Unruhe. Er schreit viel, lacht wenig und weicht mir nicht mehr von der Seite. Ich leide, weil ich euch leiden sehe, weil ich Papi verzweifelt für uns kämpfen sehe. Weil ich ohnmächtig bin.

Ich sehe mich im Gerichtssaal sitzend. Aufgrund der logischen, juristisch klar nachvollziehbaren Argumente Hoffnung hegend. Am Abend telefonieren wir mit euch: „Hallo Mami, wie geht es euch? Ich hab euch lieb um die ganze Welt!“ „Ich auch lieb!“, schreit dein kleiner Bruder ins Telefon. Mein Herz schlägt ruhiger. Wissend, IHR seid das Wesentliche für uns im Leben, nicht ein Urteil, das am nächsten Tag Papis Leben verändern wird, meines und damit eures ebenso.

„Im Namen der Republik!“ Wie durch einen Nebelschleier vernehme ich das Urteil. Ein Urteil gefällt über 6 MENSCHEN. Gefällt von der Justiz. Dürrenmatt kommt mir in den Sinn: Die Gerechtigkeit wohnt in einer Etage, zu der die Justiz keinen Zugang hat.

Und nun stehe ich mitten in Wien nach Worten suchend, um dir das Unfassbare mitzuteilen. „Mami, haben die eh gesagt, dass Papi alles richtig gemacht hat?“ „Nein, das haben sie nicht.“ Ich höre deine wortlose Fassungslosigkeit. „Aber die sehen das falsch!“ Ich will dich nicht gegen die Justiz aufbringen und antworte diplomatisch: „Ein Gesetz kann man immer auf unterschiedliche Weise sehen. Wenn es regnet denkst du dir, Juhu, ich gehe hinaus und tanze im Regen. Wir denken uns, bleib herinnen, sonst wirst du krank. Verstehst du?“

Am Ende des Tages bringt uns der Zug an unser Ziel: Nachhause, zu euch. Du läufst uns mit ausgebreiteten Armen entgegen. „Alles wird gut, Papi“, flüsterst du. Schlaftrunken kommt nun auch dein kleiner Bruder zu uns. Wir vier halten uns fest in den Armen. Alles wird gut. Denn alles ist gut, hier in euren Armen.

© Johanna Floss