Jener Tag

Es ist einer jener Tage, deren Besonderheit bereits die Morgenstunden erahnen lassen. Sei es weil der Himmel so blau oder die Sonne so hell erscheint. Oder sei es weil er anders war, der Tag. Ein Sinnbild meiner, unserer Vergangenheit.

Ich sitze auf der Sonnen gewärmten Holzbank. Drehe den Ring an meinem rechten Ringfinger. Lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Ich bin glücklich. Eins mit mir und meinem Leben. Ich lache. Laut, lange und frei. Habe meine Ängste überwunden. Höhen- und Platzangst. Wie sie mich begleitet hatten. Atemnot. Schwindel. Herzrasen. Panik. Anfänglich am Berg. Dann bereits in abgelegenen Tälern. Im Lift. Im Tunnel. Im Flugzeug sowieso. „Ich sterbe“, der dabei stets aufkommende Gedanke. Doch heute habe ich gesiegt.

Wir gingen los. Blitzblauer Himmel, Sonnenschein. Beschwingt waren die Schritte. Anfänglich. Je näher wir kamen, umso mehr spürte ich, wie sie sich anschlich, die Panik. Mein Feind. Ich griff mir an den Hals, ans Herz. Schwindel. Langsam verspürte ich die aufkommende Atemnot. Ich war ihr regelrecht ausgeliefert. „Ich brauche einen Arzt, ich sterbe!“, meine Gedanken kreisten.

„Ich kann nicht“, flüsterte ich, „heute noch nicht.“ Da nahmst du mich an der Hand. Ich solle auf meinen Körper vertrauen, gabst du mir zu verstehen. Wir atmeten gemeinsam. Ein, Aus. Ich wurde ruhiger, bekam wieder Luft. Auch mein Herzschlag verlangsamte sich.

Wir gingen näher heran. Du mit mir. Wie sollte ich das nur schaffen? Ich konzentrierte mich auf meine Atmung, genau so, wie ich es gelernt hatte. Einatmen, Ausatmen. Ich bezwang meine aufkeimende Panik. Bezwang den Berg, die Höhle, bezwang meine eigenen Ängste. Mein Herz zersprang regelrecht, doch diesmal nicht vor Panik, sondern vor Erleichterung und Glück: Ich hatte es geschafft!

Leichten Schrittes gingen wir bergab. Ich lachte, sprang und sang. Alles war nun möglich! Ich hatte meine Feinde besiegt!

Ich sitze auf der warmen Holzbank. Rundherum eine gewaltige Bergkulisse. Sie erzeugt keine Enge mehr in mir, sondern Glücksgefühl. „Ich liebe das Leben! Wie gut es zu mir ist!“ schreit meine Seele. Ich drehe meinen Ring am Finger. Nehme deine Hand in meine. Rundherum jene Menschen, die ich liebe. Du, meine Familie. Erst als die Sonne untergeht und die eigene Hand nicht mehr zu erkennen ist, beschreiten wir den Weg ins Tal. Trunken vor Glück und Heidelbeerschnaps.

Ich hatte gesiegt. War stark. Unerschütterlich. So dachte ich. War ich naiv? Unerfahren? Oder einfach nur unwissend, was das Leben einige Jahre später bringen würde? Das Leben war damals so klar wie der Himmel dieses Tages. Die schweren Wolken waren nicht einmal schemenhaft zu erkennen. Welch ein Leben damals. Die Vergangenheit.

Und doch denke ich nicht mit Wehmut daran zurück. An jenen Tag, an jenes Leben. Sondern mit Dankbarkeit im Herzen. Dankbar für jene unbeschwerte Zeit, die meinen Kraftspeicher befüllt hat. Randvoll. Kraft, die ich nun für das andere Leben benötige. Und ich habe sie.

© Johanna Floss