Keine Schule

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Du verfolgst derzeit jeden Schritt, jede Handlung von Papi und mir mit großen Augen. Deine Ohren wachsen in Dumbogröße, wenn Papi und ich miteinander reden. Vieles erfährst du, was uns beschäftigt, plagt und freut. Zumeist quatscht du Kleine bei uns Großen dann mit.

Doch heute sitzt du sprachlos neben uns. Spielst mit deinen Fingern. Lustlos, freudlos, sorgenvoll? „Mäuschen, was ist mit dir heute los? Beschäftigt dich etwas?“, frage ich dich, besorgt, dass dir nun doch alles zu viel geworden ist. Dass deine zarte Kinderseele doch Schaden nimmt in diesen Zeiten. Du schüttelst den Kopf. Ich lasse nicht locker: „Gestern strahlst du noch und heute bist du betrübt. Bist du traurig?“ Du schüttelst den Kopf. Erneut. Bis endlich: „Weißt du Mami, alle Erwachsenen reden, wie es für sie ist, mit dem KArona. Aber für uns Kinder ist es ja auch komisch.“

Du bringst mich zum Nachdenken, denn du hast vollkommen Recht! Wir Erwachsenen sprechen von Zeit, Entschleunigung, finanziellen Sorgen, Kinderwahnsinn und Maßnahmen. Doch wer fragt euch Kinder? “Weißt du Mäuslein, vielleicht willst du es mir erzählen? Oder darüber schreiben?“ Deine Augen leuchten, du springst auf und machst dich sogleich an die Arbeit; schreiben hilft nicht nur mir, sondern auch dir mit deinen 6 1/2 Jahren.

Nach einem Tag Arbeit und zig Zwischenpräsentationen nahezu jeden einzelnen Satzes deines Buches, ist dieses fertig gestellt. 5 DINA 5 Seiten dicht beschrieben und illustriert:

Du präsentierst:

„Keine Schule

Ich bin Muko ein kleines Mädchen! Gehe in die 1. Klase! Aba habe seit 1 Woche keine Schule mer!“

Geräuschvoll blätterst du um und liest mit dramaturgisch perfekt inszenierter Intonation weiter:

„Wollt ir wisen wie es so ist, Ja? Dann erzele ich es euch! Also es ist komisch. Weil es so leise ist, weil imer nur mein Bruder neben mir sizt! Aba natürlich ist es wunder schön zu Hause den man mus nicht imer lernen! Aber natürlich fer mise ich meine Lererin Heidi weil“, du unterbrichst und wirfst mir einen Seitenblick zu: „Weil meine Mama strenger ist!“

Ich weiß nun nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

„Ich fermisse aber natürlich auch meine Schulkolegen, Kosinen, Freunde und Ongkels und Tante!! Und Omas und den Opa.“

Tränen steigen mir nun endgültig in die Augen.

„Ich fermisse auch meinen Schulweg! Den da sieht man soo schöne Blumen!“, liest du ungerührt weiter. „Ich freu mich sehr auf die Schule! Aba das Blöde ist das die Schule erst nach Ostern ist!“

Nun wechseln Papi und ich einen tiefen Blick. Wir werden sehen, soll er bedeuten.

Dein kleiner Bruder beginnt zu klatschen. „Mäuschen wir sind ganz stolz“, sagen Papi und ich wie aus einem Munde. Und unser 3 jähriger Papagei setzt ein: „So solz!“

Mir hast du mit deinem Buch die Augen weit geöffnet: Wir Erwachsenen dürfen nicht auf euch kleinen Menschen vergessen, deren Welt so plötzlich anders geworden ist. Und es ist unsere Pflicht, euch auf diesem neuen Weg zu begleiten und beizustehen. Mit Gehör, Aufmerksamkeit und viel Liebe!

© Johanna Floss