Im Kinderparadies

Es schneit. Dicke Flocken fallen vom Himmel. Immer dichter wird ihr Treiben und immer lauter euer Gekreische. Die Wangen sind knallrot, die Haare bereits schneeflockenbedingt naß. Der Schnee reicht euch bis zu den Knien hinauf, dem Jüngsten unter euch Vieren sogar bis zur Hüfte. Aber auch er juchzt und jauchzt vor Freude: „Nee! Nee!“Ihr stapft immer wieder den Hügel hinauf, Schlitten und Bob folgen euch.

Eine rutscht aus und landet am Po. Mit lautem Karacho hüpfen die anderen zwei dazu. Wie zu einem Wollknäuel verschlungen rollt ihr drei Mädchen den Hügel hinab. Erwartet werdet ihr vom Vierten im Bunde, dem Hahn im Korb. „Heia!“, schreit er und läuft so schnell ihn seine kleinen Beinchen tragen zu euch Mädels, seiner Schwester und den beiden Cousinen. Die Gelegenheit nutzend, es sich wieder einmal auf euch bequem machen zu können. Nun seid ihr außer Rand und Band. Ein Schneeball nach dem anderen wird geformt und los geht die Schlacht: „Attacke! Auf die Erwachsenen!“

Wir Erwachsenen betrachten euch vergnügt. Wir sind das Ziel sämtlicher Bälle. Bis mir ein Schneeball im Gesicht landet, bieten wir dankbare Opfer. Ab dann starten wir den Gegenangriff. Wir lachen. Haben die gleichen roten Wangen wie ihr. Das gleiche Glitzern in den Augen. Kreuz und quer fliegen die Schneebälle. Kreuz und quer laufen lange Beine wie kurze. Kleine Ärmchen werden nach oben gereckt - zu wild ist die Schlacht.

Erschöpft, aber glücklich landen wir alle im Schnee. Wie herrlich unbeschwert das Leben doch sein kann, denke ich bei mir. Unbeschwert, voller Lachen und Freude. Voller Phantasie und Geborgenheit. Mit der Möglichkeit, Wurzeln tief wachsen zu lassen. Ein Leben ohne Sorgen. Ohne Probleme. Ein Kinderleben, ein Kinderparadies.

Manchmal wünsche ich mich dorthin zurück. Zurück in mein Paradies der Kindheit. Fort von unserem Ausnahmezustand. Einem Ausnahmezustand, der aufgrund seiner Dauer, seines Fortbestandes nunmehr unser normales Leben darstellt. Für mich, für meinen Mann. Mit Sorgen, die uns manchmal erdrücken. Die uns erdrücken wollen.

Die Kinder aber haben wir in ihrem Paradies belassen. In ihrem Kinderparadies, ohne Sorgen und Probleme. Und hin und wieder schleichen wir uns hinein. In dieses Kinderparadies. Besuchen sie dort und fühlen uns sorgenfrei.

Und dann laufen wir mit roten Wangen durch den Schnee. Mit Schneebällen in den Händen und einem breiten Grinsen im Gesicht. Lediglich daran denkend, den Schneeball zielsicher zu werfen. Um erschöpft im Schnee zu landen, die vier größten Schätze dieser Welt auf sich zustürzen zu sehen. Zu wissen, dass man gleich mit vier Schneebällen im Gesicht und acht kalten Händen im Genick im Schnee landen wird. Das ist Unbeschwertheit und Glückseligkeit in einem. Und ich freue mich auf den nächsten Besuch im Paradies. Im Kinderparadies.

© Johanna Floss