Leben pur

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Es ist ein Gefühl, das mich plötzlich überkommt. Ich stehe im Meer, die Füße sind fest im Sand vergraben. Werden vom Wasser umspült. Die Sonne scheint mir auf die Schultern, der Wind zerrt an meinen Haaren. Muscheln in meiner Hand und salzige Wassertropfen im Gesicht. Und jetzt kommst du angelaufen. Du, mit glänzenden Augen, mit vom Wind zerzaustem Haar und ein Lächeln umspielt deinen Mund.

„Komm, springen wir!“, rufe ich dir zu und ergreife deine Hand. „Bei drei! Eins zwei drei!“, und mit einem lauten „Hui!“ hüpfen wir über die Welle. Wir zwei. Du und ich.

Es ist ein Gefühl, das mich überkommt. Wir hüpfen, kreischen, lachen. Lachen vor Vergnügen, aus Lust am Leben, aus Lebenslust. Immer höher werden die Wellen. Ich zögere, doch du, du willst hinein. Hinein in die Wellen. Wir halten uns sicher an der Hand. Blicken uns an und kreischen, als die Welle bricht. Immer schneller kommen sie an uns heran, immer wilder wird ihr Spiel. Ich ändere die Perspektive, gehe in die Knie, lege meine Arme um deinen kleinen Bauch. Noch höher erscheinen nun die Wellen und immer stärker wird ihr Sog. Ich sorge mich um dich, aber du lachst mich an. „Du Angsthasenmami!“, und hüpfst kopfüber in die nächste Aufbäumung des Meeres hinein.

Und nun ist es da dieses Gefühl. Doch was ist es? Erinnerungen, Bilder, die mir vor Augen treten. Wellen. Kieselsteine. Arme, die nach mir greifen. Eine Enge in der Brust und keine Luft zu atmen. Und zugleich ein Geruch nach Sommerhitze, Glückseligkeit und frischer Pizza. Mein erster Urlaub in Italien mit zwölf Jahren. Cinque Terre. Enge, heiße Gassen, die uns zu unserem Ferienhaus hinaufführen. Papa, der drei Schachteln Pizza hochträgt. Jedes von uns vier Kindern hungernd. Hungernd nach Pizza, Sommer und Strand. Tief eingegraben und verwurzelt in meiner Erinnerung.

Wirst du es wie ich verspüren, in vielen Jahren? Wenn du hier stehst, wo ich nun stehe. Mit der Hand deines Kindes fühlend wie es ist, Urlaub? Den Kopf der Sonne entgegen streckend und dann wissend, das ist Glück? Die Sorgen des Lebens vergessend, denn das Wesentliche im Leben seid ihr für uns, Kinder für Eltern, Familie? Wirst auch du ein Lächeln im Gesicht tragen und diese wohlige Wärme im Herzen spüren?

„Die Nächste!“, du reißt mich aus den Gedanken. Ich lache dich an: „Die gehört jetzt uns!“ Und wir hüpfen der Welle entgegen. Du und ich, zusammen. „Da seid ihr ja!“, ruft Papi winkend. Unsere beiden Männer. Der große und der kleine. Sie winken und laufen uns entgegen. Zumindest Papi. Dein kleiner Bruder klammert sich von den großen Wellen tief beeindruckt an ihn. Wir nehmen sie an die Hand.

Hier stehen wir nun. Papi, der kleine Bruder, du und ich. Wir vier. Gleich einer Kette, die den Stürmen des Lebens trotzt. Gemeinsam, unverwüstbar und stark. Und hier ist es nun, das Gefühl: Liebe, Glück, Leben pur.

© Johanna Floss