Leichtigkeit

Ich sitze da und klopfe. Klopfe an der Stirn, an der Schläfe, unter dem Auge. Am Kinn, an der Brust und fange wieder von vorne an. Ich klopfe. Klopfe mir die Leichtigkeit herbei. Die Leichtigkeit des Lebens. Meines Lebens.

Ich sehe die dunklen, schweren Gewitterwolken, sehe die letzten zwei Jahre. Sie hatten uns gelähmt. Hatten uns nicht leben lassen. Hatten uns keine Wahl gelassen. Hatten uns herumgewirbelt, auf den Boden gedrückt und nicht mehr aufkommen lassen. Wir hatten kaum Luft zum Atmen. Jedesmal, wenn wir dachten, wir würden wieder aufkommen, kam die nächste Druckwelle. Der nächste Sturm.

Wir beiden großen Bäume haben starke Wurzeln. Wir bogen unsere Kronen und Zweige. Warfen einige ab. Doch die Wurzeln gruben wir tiefer. Immer tiefer. Für uns. Für unsere Kinder. Denn sie waren gezwungen, in diesem Sturm groß zu werden. Sie konnten ihre Wurzeln nicht vertiefen und wachsen lassen. Deshalb lag es an uns, einzig an uns, euch zu halten, euch zu sichern. Geborgenheit zu geben. Es war schwer. Kostete Kraft, Tränen und Zeit. Doch zugleich gebt ihr uns diese Kraft. Gebt uns die Kraft, die wir benötigen, um euch lächeln zu lassen, auch um euer Strahlen zu reflektieren.

Ich klopfe weiter. Klopfe mir die düsteren Gedanken und Jahre weg. Doch auch sie sind Bestandteil meines, eures, unseres Lebens geworden. Wir müssen dies nun akzeptieren. Müssen lernen, zu akzeptieren. Und es gelingt.

Wir wissen nicht, wann die Sonne in unser Leben zurückkehrt. Wissen nicht, wann der Sturm vorüber ist. Doch wir lernen, selbst im Sturm zu tanzen. Lernen, jeden Tanzschritt eigenmächtig zu setzen. Wollen nicht mehr gebeutelt werden. Wollen nicht mehr passiv sein. Wollen wieder leben.

Ich klopfe und sehe dich. Sehe dich, wie du in deinem rosa Kleidchen strahlst, unser Glück. Wie du deine Arme ausbreitest, dich drehst. Ich sehe ein kleines Mädchen, das früh lernen musste, dass nicht alles sonnig im Leben ist. Aber das gelernt hat, dass man lachen kann, selbst dann, wenn das Leben nicht zum Lachen ist. Und ich sehe dich, unseren Lichtblick, wie du mir mit ausgestreckten Ärmchen entgegen läufst. Mich anlachst. Ich sehe ein kleinen unschuldigen Jungen, der mitten in den Sturm hineingeboren wurde. Der erst nach vielen Monaten lächeln konnte. Doch nun lachst du von früh bis spät. Blickst uns freudig an. Tag für Tag.

Ich klopfe weiter. Nun sehe ich euch beide. Ihr seid unsere Leichtigkeit. Der Grund, warum wir tanzen lernen. Warum wir lernen, wieder aktiv zu sein und unsere Segeln im Sturm zu setzen.

Ich sehe eine Feder am blauen Himmel, wie sie tanzt und hüpft. Ich lächle.

Ich lächle. Und nun breite ich meine Arme aus und drehe mich. Immer und immer wieder. Schneller und schneller. Ich tanze. Werfe meinen Kopf in den Nacken und lache. Lache laut und herzhaft. Ich spüre die Leichtigkeit wieder. Sie ist zurück. Zaghaft, aber dazu bestimmt, für immer zu bleiben.

© Johanna Floss