Lichtblick

Wir mussten uns erst kennenlernen, wir zwei. Du und ich. Alles war so anders, so fremd. Auch du. Oft hatte ich mich über dich geärgert. Sei es, weil ich so vieles plötzlich nicht mehr essen konnte. Sei es, weil ich regelrecht Platzangst bekam allein aufgrund der Größe meines Bauches. Du drängtest meinen Bauch zu jeder Seite hin, versuchtest jeden Millimeter meines Inneren zu verdrängen und einzunehmen.

All das war dir egal, du warst hier. Und, du warst willkommen. So willkommen, wie ein Kind nur sein kann. Etwas helles in dieser dunklen Welt. Du kamst ziemlich pünktlich und rasch zur Welt, wolltest zu uns. Es war eine Sternstunde als du dann auf mir lagst und mit deinem Stimmchen unmittelbar zu verstehen gabst, was du sofort wolltest: Essen! Wie ein kleines Raubtier nahmst du, was ich dir geben konnte.

Du warst von Anbeginn ein Kuschler und hast dir mein Herz im Sturm erobert. Das deiner großen Schwester ohnehin. Sie wolle dich heiraten und würde dich beschützen ihr Leben lang, flüstert sie dir nun von dem Tag deiner Geburt an ins Ohr. Sie liebt dich, abgöttisch. Du konntest sofort jeden um den Finger wickeln. Ob es nun die Stationsschwestern, die Omas, Opas, die Tante oder die Onkel waren. Du warst willkommen.

Deinem Papa musst du es verzeihen. Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm während deiner ersten Lebensmonate. Und doch oder eigentlich deshalb bist du unser Lichtblick in dieser dunklen Zeit gewesen. Lange hat es gedauert für euch zwei. Für dich, bis endlich dein Papa, gebeutelt von den Widrigkeiten des Lebens, auch Augen für dich hatte. Sein Herz hatte er längst schon geöffnet gehabt, lediglich die Augen waren getrübt gewesen. Du musst es ihm verzeihen, dass er anfänglich dem ihm Bekannten in dieser unsicheren Zeit den Vorzug gab, deiner Schwester. Sie wusste ihn aufzufangen, ihn auf das Wesentliche und Schöne im Leben aufmerksam zu machen: Auf euch Kinder.

Nach sieben Monaten war deine Geduld zu Ende, deine Kraft gewachsen und deine Artikualtionsmöglichkeiten gereift. Du konntest deinen Papa endlich auf dich aufmerksam machen. Der traurige Schleier in seinen Augen verschwand, er sah dich. Ihr hattet nun Zeit euch kennenzulernen, so wie wir zwei die Zeit bereits genutzt hatten. Und ihr zwei hattet schlussendlich auch euch gefunden. Dein Papa und du. Dein Glitzern in den Augen, wenn er nachhause kommt. Dein erleichtertes „Papa“, wenn er dich in die Arme nimmt. Dein Lächeln, wenn du ihn in der Früh erblickst. Euer Lachen, wenn ihr balgt und Blödsinn macht. Euer Weg ist nun geebnet. Es hat gedauert, bis ihr euch gefunden habt. Aber, ihr habt euch gefunden. Er dich.

Wenn du jetzt lachst, deine Ärmchen emporreckst, schelmisch lächelst und mit Blicken uns zu überreden versuchst. Wenn du und deine Schwester verschwörerisch die Köpfe zusammensteckt und herzzerreißend lacht, dann wissen wir: Du hast uns in unserer Sammlung gefehlt, dich haben wir noch gebraucht. Dich, unseren hellsten Lichtblick in der dunkelsten Zeit.

© Johanna Floss