Lichtengel

Wo ist dein Lächeln geblieben? Dein Strahlen in den Augen? Dein spitzbübisches Grinsen? Wir wussten, der Tag würde kommen. Der Tag, an dem deine Augen leer und dein Blick stumpf sein werden. Aber dieser Tag war gefühlt weit weg und nun kommt er näher und näher. Die Schritte, mit denen er sich anschleicht, werden größer und größer.

Wann war der Tag, an dem dein Lächeln erstarb? An dem deine Augen das letzte Mal leuchteten? Du sagst, du hättest keine Freude mehr. Jeder von uns kann es verstehen, doch keiner will es akzeptieren. Ich schon überhaupt nicht. Denn ich bin stur. Ich will es nicht hinnehmen. Will nicht hinnehmen, dass die Krankheit so verläuft, wie sie eben verläuft. Will nicht zulassen, dass dich der Tumor in deinem Kopf zur Gänze verblassen lässt. Dich, deine Persönlichkeit. Deinen Stolz, dein Licht.

Ich, deine Schwiegertochter, habe es mir an jenem Tag im Juni geschworen, an dem die Diagnose kam. Seitdem versuche ich dich aufzuheitern, zu beruhigen. Die Dinge dir gegenüber auszusprechen, die sonst keiner zu sagen wagt. Die Zeit ist begrenzt. Lass sie uns nutzen.

Doch Du gelangst jeden Tag schneller an deine Grenzen. Deine Frau mittlerweile auch. Sie ist rund um die Uhr für dich da. Gibt dir Pflege, wo du sie brauchst. Gibt dir Sicherheit und Halt. Auch wenn die Nähe manchmal zu viel, die Vorsicht einengend ist. Sie ist dein Fels. Deine Stütze. Eure Rollen haben sich gedreht. Warst du es früher für sie, ist sie es nun für dich.

Deine Enkel sind die Einzigen, die es schaffen, ein Lachen aus dir herauszulocken. Deine kleinen Engerl, Lichtengelchen. War es früher leicht, dich aus der Reserve zu locken, so wird es nun von mal zu mal schwieriger. Aber es gelingt ihnen jedesmal aufs Neue. Das Lachen hat deine traurigen Blicke ersetzt. Denkst du noch darüber nach, wie ihr Leben sein wird? Oder lebst du nun ganz im Moment, im Augenblick?

Dein Sohn ist dein Lichtengel. Dein Stolz. Du blickst ihn immer durchdringender an. Immer intensiver. Als würdest du dir erst jetzt gewahr, welch guter Mensch er ist. Welch guter und verlässlicher Sohn. Welch liebevoller Papa. Welch einmaliger Mann. Du bist so stolz auf ihn. Dein Blick ist liebevoll. Du haderst nicht mehr, was wohl sein wird. Du siehst ihn einfach an. Voll und ganz. Deine Liebe ihm gegenüber bedarf keiner Worte mehr.

Jedem von uns kommt nun eine neue Rolle zu. Die Krankheit hat sie definiert. Oder doch du? Sind wir uns der neuen Rollen bewusst? Ein jeder von uns hat die seine eingenommen. Ohne gefragt, ohne gebeten zu werden. Aber auch ohne zu hadern. Allesamt mit dem Wissen, dass wir nur zusammen dir die Krankheit erträglich machen können. Mit dem Wissen, dass wir nur gemeinsam diese Zeit durchstehen können. Denn gemeinsam sind wir stark. Der eine kann den anderen halten, wenn Halt erforderlich ist; kann Zuversicht geben, wenn es keine Hoffnung mehr gibt und Licht spenden, wenn es um uns dünkler wird. Wir wachsen über uns hinaus. Und die Kraft dafür gibst uns du. Du selbst. Unser Lichtengel.

© Johanna Floss