Lichtstreifen

  • 292

Ich stehe vor einem Gemälde. Dunkel, die Farbgebung. Kein Lichtstrahl. Es ist das Bild einer Zerstörung. Trümmer liegen auf einem Feld. Ziegelsteine, Dachschindeln. Als wäre ein Sturm über dieses Feld gejagt. Ahnend trete ich näher und entdecke Ziffern. 2019.

Es ist jenes Jahr, in dem ein Sturm über unser Leben hinweggefegt ist. Und nichts gleicht mehr dem, wie es war. Die Häuser unserer Pläne, Träume und Geborgenheit, zerstört. Sie liegen in Trümmern auf dem Feld unseres Lebens.

Das erste Haus, das der Liebe, der Geborgenheit, des Halts und der Ruhe. Es war dein Vater, den uns der Sturm entriss. Er war dein Fels, unser Halt und vermittelte uns Geborgenheit und bedingungslose Liebe. Und es waren wir, die er so reich damit beschenkt hatte, und die ihm am Schluss das nahmen, was ihm in seiner Krankheit Geborgenheit und Halt gab, sein Zuhause. Das Hospiz konnte ihm dieses Gefühl nicht geben. Konnten wir ihm Geborgenheit und Ruhe geben, als wir ihn dort auf seinem letzten Weg begleiteten? Sein Tod traf uns mit voller Wucht.

Der Sturm war heftig. Wir brauchten Zeit, um zu verkraften. Wollten durchatmen. Doch kurz danach bäumte er sich auf und änderte seine Richtung. Er traf das Haus unseres Lebensplans, deiner Zukunft, meiner und mittelbar auch die unserer Kinder. Das Haus unserer Träume und unserer Existenz.

Seine erste Windböe traf unseren Glauben an die Gerechtigkeit. Ausgelöscht. Die zweite Böe jedoch traf dich, mich, uns mit einer Vehemenz, die uns auf den Boden drückte. Sie traf uns in unsere Einstellung Menschen gegenüber. Sie existieren. Jene Märchenfiguren, von denen ich unseren Kindern gegenüber behaupte, sie würden ein reines Konstrukt der Phantasie sein. Sie haben dir dein Vertrauen, deine Zuversicht und den Glauben ans Gute genommen. Mir haben sie das Strahlen meines Mannes, sein Lächeln, seine Freude genommen. Meinen Fels. Wie ich sie verachte.

Diese Sturmböe aber traf nicht nur dich und mich. Unsere Kinder blieben davon nicht unberührt. Wenn große Bäume ins Schwanken geraten, können sie den kleinen Bäumen nicht mehr genug Schutz bieten. Obwohl es ihre Aufgabe wäre. Wir taten, was wir konnten, meine Kinder. Und doch mögt ihr es uns verzeihen, dass wir den Sturm nicht zur Gänze von euch abhalten konnten. Dass es uns nicht gelang, uns ihm entgegenzustellen. Für eine Zeit lang lagen wir am Boden, Papa und ich. Konnten lediglich eure Hand halten. Weder mit euch lachen, tanzen, leben. Wir waren bloß ein Schatten unserer selbst. Anwesend und doch nicht da. Ihr habt es gespürt, ward verwirrt. Zu jung, um zu verstehen und doch zu alt, um zu ignorieren.

Und nun stehe ich hier. Stehe hier und betrachte dieses Gemälde. Das Gemälde der Zerstörung. Ich trete noch näher und fasse es kaum: Unter all den Trümmern liegt jener Teil unserer Lebenshäuser, der heil blieb. Die Bodenplatte. Sie wirkt dick. Und ganz zart am Rande des Bildes erkenne ich unter all der Farbe der Dunkelheit einen zarten Streifen. Einen Lichtstreifen am Horizont.

© Johanna Floss