Müssen

Manchmal im Leben, da macht man. Da tut man. Weil man muss. Weil man einen Schritt nach dem anderen setzen muss. Und nicht, weil man will. Heute muss ich. Es ist Karfreitag.

Ich setze mich ins Auto. Ich denke nicht lange nach, sondern mache es. Ich fahre, weil ich muss. Nicht, weil ich will. Ich will nicht zu dir fahren, um den nächsten Schritt zu setzen. Den Schritt, der sich angekündigt hat, der unvermeidbar ist. War, von Anbeginn an. Und wir setzen diesen Schritt nicht, weil wir wollen, sondern weil wir müssen. Denn es ist unsere Pflicht. Seine als dein Sohn, meine als deine Schwiegertochter.

Ich drücke aufs Gaspedal. Schnell, schnell. Nur nicht zu spät sein. Die Fahrt geht dem Ende zu. Sie endet dort, wo Neues beginnt. Doch diesmal ist es kein Neubeginn, dem ein Zauber innewohnt. Da gibts keinen Zauber, keine Freude, keinen Trost. Ich will eigentlich nur davonlaufen. Ich will das hier nicht, will nicht müssen.

Deine Frau öffnet die Türe, es herrscht tatenlose Betriebsamkeit. Du sitzt auf der Couch, wartest auf uns, weil du musst, nicht weil du willst. Wir sehen uns an, du und ich. Ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Du weißt es und ich auch. Endstation. Ich gehe direkt zu dir, setze mich neben dich, lehne meinen Kopf an deine Schulter, spüre deine Wärme, deine Trauer und Verzweiflung. Du spürst die Hand deines Sohnes auf deiner Schulter, deinem Nacken. Wir sind da, allesamt gefangen im Müssen. In diesem verdammten Müssen.

Unser aller Blick ist nach vorne gerichtet. Wir starren nach vorne, zählen die Türen des Kastens, die Fransen des Teppichs. Ist es eine Fussel, die ich da am Boden entdecke? Noch 10 Minuten. Wir sitzen da und warten. 7 Minuten. Die Luft ist zum Schneiden, die Zeit steht still. 5 Minuten. Du umklammerst meine Hand und ich die deine. Fest, ganz fest. Ich will sie nie mehr los lassen. 2 Minuten.

Es klingelt. Wir schlucken. Es ist soweit. Die Sanitäter holen dich und wir schauen zu. Tatenlos. Wir stehen da, spüren deine Verzweiflung, deine Ohnmacht. Denn es ist auch die unsrige. Kein Wort hilft, es tut so weh. Es ist unerträglich. Unerträglich für dich und unerträglich für uns, dich so zu sehen. Die Türe fällt ins Schloss.

Wie leer der Raum plötzlich ohne dich ist. Wir stehen hier, atmen durch. Trocknen unsere Tränen, doch unsere Seele blutet. Für immer. Denn es sind wir, die dir dein Zuhause genommen haben. Doch wir mussten. Deine Krankheit ließ uns keine andere Wahl, zu weit war der Gehirntumor bereits fortgeschritten. Wir wussten es, dass der Zeitpunkt einmal kommen würde, als die Pflege deiner Frau zuhause nicht mehr reichen würde. Und nun war der Zeitpunkt längst überschritten. Wir mussten diesen Schritt setzen. Die Krankheit ließ uns keine Wahl.

Wir packen die Papiere zusammen, steigen ins Auto ein und fahren dir nach. Ins Hospiz. Diesmal aber nicht weil wir müssen, sondern weil wir wollen. Wir wollen bei dir sein. Doch du willst nicht dort sein, du musst. 11 Tage werden es sein. Nur. Das wissen wir jetzt aber noch nicht.

© Johanna Floss