Magie

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„Mami, wie oft müssen wir noch schlafen?“ Es ist der 1. Dezember. Das erste Türchen des Adventskalenders geöffnet, die erste Adventsgeschichte gelesen. „Noch 23 mal.“ „Noch 23 mal schlafen, dann ist Weihnachten!“, rufst du. Dein kleiner Bruder wiederholt es mantraartig: „Noch 23. Dann ist Weihnachten!“

Mit seinen 2 1/2 Jahren ist ihm dieses Ereignis fremd. Doch du klärst ihn auf: „Weihnachten ist, wann das Christkind kommt.“ Verständnislos starrt er mich an: „Das Christkind bringt den Christbaum und vielleicht ein Geschenk.“ Die Fragezeichen in seinen Augen bleiben. Wie erklärt man den Christbaum, das Christkind, die Magie, die Weihnachten ausmachen? Wie erklärt man das Gefühl, den Glauben und die Werte, die damit verbunden sind?

„Wir feiern da den Geburtstag von Jesus“, erklärst du weltfrauisch, springst auf und lässt mich dir mit offenem Mund nachschauen. „Häpi to you!“, setzt daraufhin dein kleiner Bruder mit dem Geburtstagsständchen ein.

„Mami, wie oft müssen wir noch schlafen?“ Gleich dem täglichen Gruß des Murmeltieres, beantworte ich die morgendliche Frage: „Noch 10 mal schlafen.“ „...dann Weihnachten ist!“, beendet der Kleine den Satz. „Wir müssen den Christkindlbrief schreiben!“ Gestresst werden Stift und Papier hervorgeholt, die Briefe auf die Terrasse gelegt und nun heißt es warten. Es heißt aber auch: „Aufstehen kleiner Bruder! Vielleicht hat das Christkind unsere Briefe geholt!“, zu einer Uhrzeit, die jenseits eurer normalen Tagwache liegt. Und die beginnt schon früh.

Eines stürmischen Tages ist es soweit: „Mami, mein Brief ist weg!“ Verwundert schaue ich auf die Terrasse. Tatsächlich. Dein Brief ist weg. Der Wind fegt durch die Bäume. Ich durchsuche panisch den Garten. Doch der Brief bleibt verschwunden. „Magie“, flüstere ich ungläubig. „Das Christkind“, flüsterst du.

„Mami, wie oft müssen wir noch schlafen?“ Die Aufregung wächst mit jedem Tag. „Noch 8 mal.“ Heute ist Christkindlmarkt angesagt. Dort entdeckst du eine Puppe: „Mami, die wünsche ich mir!“ Ich erkundige mich nach dem Preis: „Mäuschen, die ist ja viel zu teuer!“ Doch du unterbrichst mich: „Mami, das Christkind nimmt die Puppe einfach mit. Da ist es egal, was sie kostet!“

Noch 5 mal schlafen. An diesem Tag spielen wir verstecken. Als ihr mich nicht findet, mache ich mich bemerkbar. „Mami, wo warst du?“, fragt mich der Kleine. „Mein Geheimnis.“ Du starrst mich an und flüsterst: „Warst du dort, wo man das Christkind trifft?“ Magie liegt in der Luft.

3 Tage vor Weihnachten ist`s vorbei mit der Magie. Ihr zankt, ihr schreit, ihr schimpft. Und ich schimpfe mit euch: „Da wird das Christkind aber nichts bringen!“ Pädagogisch wertvoll, ich weiß.

Und nun ist es soweit. Trotz jeden Streits, trotz aller Schimpferei: Das Christkind steht vor der Tür. Und auch wenn es heuer das erste Weihnachten ohne Opa ist, so ist und bleibt es Weihnachten. Denn Liebe und Magie sind jene zwei Dinge, die, wenn man daran festhält, für immer bleiben. Im Herzen.

© Johanna Floss