Mami, was ist KArona?

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Ich warte auf dich im Schulhof. Mit ernster Miene, aber ausgebreiteten Armen, läufst du auf mich und deinen kleinen Bruder zu.„Mami, was ist dieses KArona?“, fragst du atemlos.

Wie erklärt man einer 6 1/2 Jährigen einen der Welt unbekannten Virus, der diese so rasant überrollt hat, dass Gesundheitssysteme dem Kollaps nahe sind, ohne ihr Angst zu machen? Seit Opa vor 10 Monaten an einem Gehirntumor gestorben ist, bist du was Krankheiten betrifft übersensibel. Bei jedem Infekt betest du, dass du wieder gesund wirst. Krankheiten machen dir Angst. Ich tue mein Bestes, kindgerecht zu erklären.

Zuhause angekommen, wäschst du dir wie immer deine Hände. Doch ab sofort schäumt die Seife ordentlich und du schrubbst so fest, dass deine ohnehin empfindliche Haut ganz rot und rauh wird. Du singst nun auch „Happy Birthday“ während deiner Reinigungsorgie, um nicht bis 30 zählen zu müssen.

Einige Tage später bereite ich dich darauf vor, dass du bald keine Schule mehr haben wirst. Auch spreche ich bereits jetzt an, dass du in der nächsten Zeit keine Freunde wirst treffen können. Weder Indoor, noch Outdoor. All das nimmst du gelassen auf: „Ich hab doch meinen kleinen Bruder! Außerdem will ich nicht, dass die Omis und Opi krank werden!“ Information bewirkt Verständnis, selbst bei den Kleinen.

Als uns Omi und Opi treffen, umarmen wir uns nicht. Wir bleiben auf Abstand. Du bleibst stehen und schickst ihnen mit traurigem Blick Luftbussis. Der 3 Jährige versteht die Welt nicht, warum er Omi nicht umarmen darf. Er weint. Du redest sanft auf ihn ein: „Kleiner Bruder, schicke Luftbussis, die kommen bei Omi und Opi an, machen sie aber nicht krank!“. Sofort führt er sein Patschhändchen an sein Mündchen und pustet.

Der Virus ist nun eingetroffen. In meinem, in deinem, in unser aller Leben.

Ich erkläre dir nun auch, dass wir mit all dem, was wir haben, nicht mehr sorglos umgehen dürfen. Papier zum Malen, Sachen zum Basteln und Kleben. All das wir nun keinesfalls mehr verschwendet. Auch Essen werden wir ordentlich einteilen, und nicht mehr lediglich zum Zeitvertreib naschen. Papi und ich wollen nicht wegen Kleinigkeiten einkaufen gehen. Vielleicht übertreiben wir. Doch ihr seid unser kostbarster Schatz und die Omis und Opi unser Fels. Euch und besonders sie gilt es zu schützen. Und damit die Gesellschaft.

Du schluckst. Ich auch. Doch dann nickst du und sagst: „Ok, Mami. Ich bin traurig darüber. Aber noch trauriger wäre ich, wenn es Omi und Opi oder Oma schlecht gehen würde“. Du flüsterst: „Oder dass sie sogar sterben würden!“ Du hüpfst von meinem Schoß und nimmst deinem kleinen Bruder - bevor ich reagieren kann - sein geliebtes, zweites Quetschobst aus der Hand: „Eines pro Tag und nicht mehr, kleiner Bruder. Weißt du, wir schützen jetzt die Omis und Opi!“

Da sage noch einer, Kinder würden nicht verstehen. Sie verstehen besser als wir, nehmen Beschränkungen des Lebens leichter hin, als wir. Lasst uns daran ein Beispiel nehmen - und schützen wir jene, die wir lieben!

© Johanna Floss