Musikstunde

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Es läutet an der Türe. DINGDONG. Und noch einmal. DINGDONG. Ich bin nicht schnell genug, offenbar bereits etwas eingerostet. Nun klopft es auch noch. BUMM BUMM. „Wir Männern sind!“, ruft es hinter der Türe. Ich öffne sie strahlend: „Meine Männer sind zurück!“ Der kleinere von euch lacht mich fröhlich mit roten Wangerl an. Der größere...Oha.

Feldversuch offenbar fehlgeschlagen. Seit du 12 Monate alt bist, gehen wir zwei zur Musikstunde. Singen, Tanzen, Trommeln. Spaß für dich und Aufgabe jeglicher Selbstachtung für mich. Quality time eben. Nun bist du 2 1/2 Jahre alt und im Musikbusiness quasi ein alter Hase. Was ist da näher liegend, als Papi auch einmal in diesen Genuss kommen zu lassen?

„Häschen willst du heute mit Papi in die Musikstunde gehen?“, frage ich dich deshalb gleich in der Früh. Exakt in diesem Moment betritt der Protagonist meiner Frage schlaftrunken den Raum: „Papi heute Musik!“, rufst du und springst Papi in die Arme. Der bekommt große Augen: „Was soll ich?“ „Du gehst heute mit meinem kleinen Bruder zur Musikstunde“, schaltet sich da die 6-Jährige ein. „Also, du dürftest, wenn du wolltest“, füge ich hinzu. Höflichkeitskonjunktiv. Den kennt Papi bereits.

„Wir Männern Musik gehen!“ Du schaffst Fakten und hältst Papi die Hand hin: Männerhandschlag. „Wie funktioniert das? Muss ich dort singen?“, fragt Papi, sich seinem Schicksal ergebend, als ihr euch zum Gehen fertig macht. „Ja singen, Bärli Füße Bussi gibt, laufen und Apfel!“, erklärst du Papi die Welt. Nun kennt er sich aus.

Bereits nach einer Stunde der Freiheit läutet es an der Türe. DINGDONG. Widerwillig schwinge ich mich auf. Geklopfe. BUMM BUMM. Lächelnd öffne ich euch die Türe. Und nun steht ihr vor mir. „Sön mit Papi!“, strahlst du mich an. Mein Blick wandert von dir zu Papi. Der strahlt nicht.

„So ein Schmarrn, und dafür bezahlt man noch!“, schimpft er noch im Vorzimmer los. „Die spielen dort, und die Lieder können die Kinder gar nicht alleine mitsingen!“ Ich pruste los. „Ich hätte mir schon erwartet, dass sie dort was lernen!“, poltert Papi weiter. „Ein Instrument zum Beispiel!“ „Die sind doch alle noch keine 3 Jahre alt“, wende ich ein. „Eben! Musikalische Früherziehung dachte ich mir!“

Nach dem du Papi mit deinem Lächeln beruhigt hast und dich im Träumeland befindest, offenbart mir Papi weiter: „Dann singen da alle -Wir reichen uns die Hände- und damit waren nicht die Kinder gemeint! Ich musste im Kreis am Boden (!!) sitzend mit Fremden Händchen halten! Im Schneidersitz!“ Ich lache los. Papi ist groß, sehr groß. Und, Papi ist so gelenkig wie ein Elefant. Schneidersitz!

„Und dann“, unterbricht er meinen Lachanfall. „Dann mussten wir alle aufstehen und uns bei einem Lied noch bücken.“ Ich ahne es. „Und ratsch ist mein Hemd gerissen!“ Papi zeigt mir einen rückenlangen Riss von der rechten Schulter bis zur Hüfte. Ich kann nicht mehr. „Das sind nur deine muskulösen Schultern“, stoße ich noch hervor, als ich vor Lachen am Boden lande. Musikstunde also.

© Johanna Floss