Dein Tempo

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Du düst hinunter. Deine Haare flattern aufgeregt. Du umklammerst deine Lenkstange mit festem Griff. „Mami, ich komme!“, höre ich dich hinter mir rufen. „Ich bremse nicht!“

Ein Hügel im Park. Wie zaghaft du ihn noch vor einem 1/2 Jahr hinuntergefahren bist. Wobei gefahren der falsche Ausdruck ist. Hinunter gebremst bist du ihn. Langsam, mit ängstlich verzerrtem Gesicht und einem genervten Papi im Nacken: „Brems doch nicht die ganze Zeit!“ „Lass sie doch bitte ihr Tempo wählen!“, reagierte ich immer verärgert. „Tempo? Da ist kein Tempo, keine Geschwindigkeit!“ Daraus entspann sich jedesmal eine Diskussion über Bedächtigkeit und Verantwortung, Übertragung von Ängsten und Mutlosigkeit. Am Ende der Debatte warst du den Hügel runter. „Gut hast du das gemacht!“ „Du musst schneller werden. Da ist selbst schieben noch flotter!“ Elterliche Reaktionen.

Nun düst du hinter mir nach als gäbe es kein Morgen: „Mami, ich trete nicht, schau wie schnell!“

Und plötzlich habe ich die Bilder vor mir. Als dein erstes Fahrrad in hellrosa mit Puppenfahrradsitz unterm Christbaum stand. Im Stiegenhaus mussten dann aufgrund von Eis und Schnee die ersten Fahrten unternommen werden. Du als ungeduldige Schülerin, die meinte aufsteigen und losdüsen zu können, und ich als ungeduldige Lehrerin mit Babybauch. Doch nach ein paar Stunden hattest du den Dreh heraußen. Und ich schlottrige Beine, wenn ich dich anwackeln kommen sah. „Keep cool, das packt sie schon“, wusste es Papi.

Die ersten Fahrten am Feld, auf Wegen. Du fahrend, ich hinter dir nachlaufend. Einen Monat vor der Geburt deines kleinen Bruders dachte ich, er würde mir während meines Verfolgungslaufs einfach herauspurzeln. Mitten am Feld. Deine Geschwindigkeit und meine babybauchbedingte Trägheit nahmen parallel zueinander zu.

Als dein Bruder geboren war, bedeutete dein nunmehriges Können Freiheit. Für dich, da du immer einige Meter vor uns fahren durftest: „Mami, wenn mir jemand entgegenkommt, mache ich einfach die Augen zu! Dann fürchte ich mich nicht!“

Dein Können ermöglichte uns aber auch weite Spaziergänge und damit deinem Babybruder einen ruhigen Schlaf und uns Zeit zum Spiel: Dein Puppenbaby am Fahrradsitz und mein reales Baby im Kinderwagen. „Hallo Freundin, ich fahre in die Arbeit! Meine Mia kommt mit, sie ist 2 Wochen alt!“

Heute ist der Puppenfahrradsitz abmontiert, dein Fahrrad nicht mehr zwergenmäßig klein und hellrosa, sondern groß und himmelblau. Du bist stolz und mutig: „Jetzt schau mal Mami, auf meine Hand!“, tönst du und streckst deine Hand kurz aus, kratzt dich am Kopf oder an der Nase. Einfach so, ohne stehenbleiben zu müssen: „Alles mit ohne einer Hand!“

Heute weißt du, dass du es kannst. Hast deinen Mut und dein Tempo entdeckt. Hast dich nicht von Papi und mir stressen oder verängstigen lassen. Du entsprichst keinem Prototypen. Du bist du, und du bist einmalig, einzigartig und besonders. Vielleicht nicht für die Welt, aber für uns, denn für uns bist du die Welt!

© Johanna Floss