Notfall

„Sie hat das gesamte Fläschchen verschluckt, also dessen Inhalt! Was mache ich jetzt bloß?“ Du bist drei Monate alt, als ich dich für ganze zwei Stunden mit deinem Papi alleine lasse. Dich ihm überlasse. Und das mit bestem Gewissen, denn einen liebevolleren und fürsorglicheren Papi kenne ich nicht.

Du bist frisch gewickelt und gestillt und ich reiße für einen kurzen Abend-Mädels-Treff aus dem Neo-Mami-Alltag aus. Endlich! Keine Anweisungen. „Wir schaffen das schon, wir zwei“, heißt es nur und schon werde ich zur Tür hinausgeschoben. Papi, die Gelassenheit in Person. Er weiß immer, wann, was zu tun ist.

Doch nun, große Panik. Die Nummer der Vergiftungszentrale Gott sei Dank eingespeichert: „Das gesamte Fläschchen, verstehen sie!? Und sie ist erst ein paar Monate alt!“ „Ich benötige bitte das Geburtsdatum und die Versicherungsnummer“, reagiert die Dame an der anderen Leitung ruhig und professionell. „Ähm, ja also 2013...vor ein paar Monaten eben wurde sie geboren.“ „Genauer wissen sie es nicht?“, wundert sich die Dame. „Doch, nur mir ist es entfallen. Auch die Versicherungsnummer fällt mir jetzt nicht ein.“

Aufregung. Ein Notfall und das ausgerechnet während der Mami-freien Zeit. Und das ihm! Nervös schildert dein Papi nun endlich das Vorgefallene: „Also, ich wollte sie gerade wickeln, also meine Tochter. Und dann bekam sie das Fläschchen in die Hände und hat alles in sich hineingeschüttet. Einiges habe ich wieder hinausbekommen, aber sie hat so viele geschluckt!! Was mache ich denn jetzt?“ „Welchen Inhalts war denn das Fläschchen?“, fragt die Dame bei der Vergiftungszentrale nach, nun doch etwas hellhörig geworden. „Na Globuli! Schlafglobuli!“ Stille am anderen Ende der Leitung. Absolute Stille.

„Hallo?!? Haben sie verstanden? Schlafglobuli!!“ Nach einer gefühlten Ewigkeit endet das Schweigen: „Da können sie beruhigt sein, da wird nichts passieren.“ „Ich weiß nicht, ob ihnen der Ernst der Lage bewusst ist? Sie ist erst drei Monate alt und hat nahezu das gesamte Fläschchen intus!“, schreit mein Mann nun ins Telefon hinein. Wieder Stille. Dann: „Wenn es sie beruhigt, kann ich sie auch gerne mit einem Arzt verbinden.“ „Ja bitte, tun sie das“, meint dein verzweifelter Papi. Und wieder dauert es eine Ewigkeit bis er verbunden ist, nun mit einem Arzt.

„Hier spricht der Doktor, Guten Tag. Ihre Tochter hat Schlafglobuli verschluckt?“ „Ja, eine ganze Flasche!“ Endlich jemand, der ihn versteht, seine Panik nachvollziehen kann: „Soll ich ins Krankenhaus fahren? Den Magen auspumpen lassen?“ Stille. „Nein, ich kann sie beruhigen. Im optimalsten Fall schläft ihre Tochter heute schnell ein. Es kann nichts passieren.“ „Sind sie sicher? Der ganze Flascheninhalt!“ „Absolut.“

Als ich nachhause komme, sitzt dein Papi nicht schlafend, sondern dich und deine Atmung mit Argusaugen beobachtend an deinem Bett. „Warum schläfst du nicht?“, frage ich ihn besorgt. “Würde ich, aber vertraust du den Aussagen eines Arztes?“

© Johanna Floss