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Rabenmama

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Rabenmama | story.one

Vier Augen, die mich anstarren. Vorwurfsvoll, zornig und trotzig. Und ich die Angeklagte, die Rabenmama, stehe euch beiden gegenüber. Verunsichert, zornig und belustigt zugleich. Es hatte sich alles abgezeichnet, bereits in den frühen Morgenstunden:

6:30. Der Wecker reißt uns alle aus dem Schlaf. Der Wecker, nicht ihr, wie in den beiden Wochen der Weihnachtsferien. „Aufstehen“, murmel ich. Du bist zornig: „Ich will nicht in die Schule!“ Dein kleiner Bruder ist zornig: „Ich müde bin!“ Papi ist zornig: „Ich will nicht ins Büro!“

Alltag wieder. Schule für dich, Büroalltag für Papi, Langeweile für deinen knapp dreijährigen Bruder und für mich? „Mami, du hast es von uns allen am schönsten, du hast immer Urlaub, du bist zuhause!“ Niemals habe ich mir von dir oder deinem Bruder Wertschätzung dafür erwartet, dass ich noch ein weiteres Jahr bei euch zuhause bin. Nur ich und ihr. Und die Wäsche, und der Hausstaub und die Kocherei. Weihnachtsurlaub bei Omi und Opi war erholsam, nun ist er zu Ende und die Routine zurück. Für uns alle. „Wisst ihr was“, starte ich nach dem ersten Kaffee: „Heute machen wir es uns gemütlich. Am Nachmittag spielen wir!“

Endlich ist es soweit, das Mittagessen verschlungen, deine Hausübung erledigt. Es wäre jetzt soweit. Wäre.

„Ich würde mit euch spielen, wenn ihr vorher zusammenräumt!“ Eure Augen werden groß: „Du hast es uns versprochen!“ Nun fühle ich mich ein wenig wie eine Rabenmama, doch ich beharre auf meinem Postulat: „Zuerst aufräumen, dann spielen.“ „Ich aber nicht will!“, schreit der Kleine und stampft mit dem Fuß.

„Du bist gemein!“, schreist du und verlässt die Küche. Erhobenen Hauptes. Dein kleiner Bruder kopiert dich, ändert lediglich den Text: „Scheiß-Nudel!“ Und hinterlässt mich sprach- und fassungslos. Ich düse ihm nach: „Das sagt man nicht und schon gar nicht zu mir!“ Kulleraugen blicken mich an. Lass sie reden, lese ich in ihnen. Kaum drehe ich ihm den Rücken zu, höre ich dasselbe Wort erneut. Der schauspielerischen Leistung einer Oscargewinnerin gleich sage ich streng: „ Was hast du gesagt?“ Die beiden Kulleraugen blicken zu Boden, bis sie aufblitzend mir direkt in die Augen sehen: „Ich Koch-Nudel sagt.“ Jetzt verarscht mich schon der kleine Zwerg. „Räumt endlich auf, dann können wir noch spielen!“

Du brichst in Tränen aus: „Du hast es versprochen!“ Der Kleine schreit: „Böse Mama!“ Und ich verlasse das Zimmer, die Welt nicht mehr verstehend. Es geht um eine Duplo-Kiste, die in zwei Minuten eingeräumt wäre.

Nach einer Ewigkeit erscheint ihr beide in der Türe. Händchenhaltend: „Und übrigens, wir ziehen zu Omi“, sagst du mit tränenerstickter Stimme. Wegen einer Duplo-Kiste? Ich starre euch an.

Vier Augen, die auf mich gerichtet sind. Vorwurfsvolle Zornes- und Trotzaugen. Ich schlucke nun auch. Bin angeklagte Rabenmama. „Und wann?“, frage ich mit tränenerstickter Stimme. „Wenn mein kleiner Bruder acht Jahre alt ist!“, sprichts und dreht sich um. Da hab ich ja dann noch ein bisschen Zeit...

© Johanna Floss 09.02.2020

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