Rollenbilder

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„Du spielst den Mann und ich die Barbie.“ Du bist 3 Jahre alt und hast das Lieblingsspiel deiner siebenjährigen Schwester übernommen. Andere Buben spielen mit Autos und Stecken, du mit Barbies und Puppen. „Der Mann muss jetzt in die Arbeit gehen“, führst du weiter Regie. „Und die Frau kocht und tut putzen“. Wie bitte?! „Nein, der Mann kocht und sie geht in die Arbeit!“, entgegne ich. „Mami“, deine Stimme wird ernst und deine Augen drehen sich langsam nach oben: „Die Frau ist zuhause. Der Mann arbeitet.“ Was zum Kuckuck!

Bevor deine Schwester zur Welt kam, dachte ich es NIEMALS länger als 1 Jahr zuhause beim Kind aushalten zu können. Deine Schwester wurde geboren, 1 Jahr verging und ich entschied mich aus vollster Überzeugung weiter bei ihr zuhause zu bleiben. Als sie 2 Jahre alt wurde, überlegte ich: Was will ICH und was braucht SIE? Erst als ich merkte, dass sie nun mit 2 3/4 Jahren andere Kinder zur Entwicklung brauchte, ging ich für 3 Vormittage ins Büro und sie in die Krabbelstube.

Als du in unser Leben kamst, wogen Papi und ich ab, was euch im Leben stärker macht. Dazu zählt für uns kein Mehr an Spielsachen, auch keine großen Urlaube, sondern Zeit. Ich beschloss, euch Zeit zu schenken und bis zum Kindergarteneintritt zuhause zu bleiben. Für dich, deine Schwester, für uns als Familie. Ich war in der glücklichen Lage, frei entscheiden zu können und nahm die damit verbundenen monetären und karriertechnischen Nachteile in Kauf. Weil ICH es so will.

Doch nun sitzt du mit der Barbie in der Hand vor mir und glaubst, Frauen müssen zuhause bleiben, Männer gehen arbeiten, und mir drängt sich ganz plötzlich die Frage auf: Vermitteln wir euch ein falsches Rollenbild? Ich denke nach.

Ich betrachte deine Schwester: Sie redet immer und überall mit, gibt ihre Meinung kund. Sie rockt in fetzigen Jeans, aber dreht sich im Kleid vor dem Spiegel. Sie gräbt im Dreck, aber das Shirt darf keinen Fleck aufweisen. Sie will Ärztin werden, Reitlehrerin, Schriftstellerin und Mama. Und du? Du hilfst Papi beim Heimwerken und postulierst dabei: „Wir Männern sind“. Du trägst das Elsa-Prinzessinnenkleid deiner großen Schwester, lackierst dir deine Fußnägel und liebst Kochen. Klassische Rollenverteilung sieht anders aus.

Ich koche, putze und wasche. Doch ich schneide auch Hecken, grabe Löcher und wechsle Glühbirnen. Ich diskutiere mit Leidenschaft über Einstellungen, Politik und Kindererziehung. Ich stehe auf bei Ungerechtigkeit und bei frauenfeindlichen Witzen werde ich rot vor Zorn. Papi nimmt den Staubsauger mit der gleichen Leichtigkeit in die Hand wie die Bohrmaschine. Freitag bis Sonntag steht er in der Küche und die Kleidungsfrage dauert bei ihm doppelt so lange wie bei mir. Klischeehafte Rollenvermittlung sieht anders aus.

„Also Häschen, heute bleibt die Barbie zuhause, aber der Mann kocht“, versuche ich dich nun spielerisch zu lenken. Du überlegst kurz, nickst und sagst: „Gut, aber morgen geht die Barbie in die Arbeit und der Mann kocht trotzdem.“

© Johanna Floss