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Sams-Wünsche

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Sams-Wünsche | story.one

„Stell dir vor, Jonas liest auch das Sams!“, startest du das Mittagsgespräch nach der Schule. „Achso?“, murmel ich. „Ja und ich hab ihn dann gleich gefragt, ob er das Buch auch immer wünscht!“ Ich blicke auf und pruste halb: „Du hast was?“

Paul Maar und das Sams. Du, dein kleiner Bruder und natürlich Papi und ich und das Sams. Du hattest das Sams-Buch vom Osterhasen in unser Leben gewünscht und bereits nach einer Woche war der 1. Band mit der Geschichte über das kleine, in Reimen sprechende Wesen, das mit seinen blauen Punkten im Gesicht Wünsche erfüllen kann, ausgelesen und der Durst nach mehr gigantisch. Spaßeshalber schlage ich beim Abendessen vor: „Wünschen wir uns doch das nächste Buch, einer der blauen Wunschpunkte könnte ja auch uns gehören!“ Ihr zwei seid sofort Feuer und Flamme: „Das machen wir!“ Papi und ich tauschen vielsagende Blicke.

Als Papi wieder bei uns am Tisch sitzt, starten wir. Wir klopfen mit der flachen Hand auf unsere Schenkel und flüstern halb, ihr hingegen schreit voller Euphorie: „Am Samstag kam das Sams zurück, am Samstag kam das Sams zurück, heute ist Dienstag!“ Wir wiederholen diesen Nonsense-Satz immer wieder, bis Papi plötzlich wie von der Tarantel gestochen aufspringt und sich an den Popo greift. „Aua, da hat mich etwas gebissen!“, ruft er und entdeckt auf seinem Stuhl Band 2 der Sams-Geschichten. „Das Sams hat uns das Buch gebracht!“, schreist du. Eure Wangen sind vor Aufregung feuerrot und auch ich starre auf den Stuhl: „Das gibts doch nicht! Das war sicher Papi!“ Du schüttelst den Kopf: „Nein, der war ja bei uns.“ „Der Opa vom Himmel geschmissen!“, schreit der 3-jährige mit der gleichen Aufregung. „Ja, kleiner Bruder“, sagst du 7-jährig und weise: „Oder beide, das Sams und der Opa!“

Der 2. Band ist ebenso schnell ausgelesen. Wie sollte es anders sein, ihr wollt euch den nächsten wieder wünschen. Wir setzen uns also erneut an den Tisch und skandieren einen passenden Wunschspruch, als plötzlich der Küchenstuhl umkippt. Umkippt aus dem Nichts. Ich schreie vor Schreck auf und du hüpfst kinoreif auf meinen Schoß. Ungläubig starren wir auf das Buch, das vor uns am Boden liegt. Papi starrt weniger, grinst jedoch mehr. Fragezeichen in meinem Gesicht. Diese werden nicht weniger, als der 4. Band nach demselben Ablauf wie durch Magie am Küchentisch erscheint. Mit lautem Gekreische wird auch der 5. Band willkommen geheißen, als dieser regelrecht unter dem Wohnzimmertisch hervorschießt. Natürlich wie aus dem Nichts. Ihr seid davon überzeugt: „Das macht das Sams!“ Ich hingegen weiß, dass es mit Papi zu tun hat, doch wie bleibt weiterhin unerklärlich.

Nun sitzen wir beim Mittagessen und du erzählst, dass dein Schulkollege das Buch auch gelesen hat. „Du hast ihn wirklich gefragt, ob er das Buch auch immer wünscht?“ Du nickst: „Aber er kauft es immer!“ Du verstehst die Welt nicht: „Der gibt Geld aus, wo er das Buch doch nur zu wünschen braucht!“, schüttelst du den Kopf und schiebst dir den nächsten Bissen in den Mund.

© Johanna Floss 24.06.2020

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