Schimpfwörter

Abendessen. Wir sitzen gemeinsam bei Tisch und lassen unseren Tag Revue passieren. Jeder hat das Recht zu reden, bis sich Papi und ich in Erwachsenengespräche vertiefen. Wie aus dem Nichts tippt plötzlich dein Zeigefinger an meine Hüfte. „Mami“, flüsterst du. „Was sind denn Arschlöcher?“

UPS. Schimpfwörter. Das Sch-Wort, das A-Wort. Mit all diesen hast du nichts am Hut. Deine moralischen Ansprüche sind für eine 6-Jährige sehr hoch. Den „Depp“ während der Autofahrt tolerierst du noch, schimpfst gelegentlich sogar mit.

Du warst bereits 5 Jahre alt, als du das Sch-Wort das erste Mal selbst in den Mund genommen hast. Unverschuldet. „Was singt denn der da im Radio?“, fragst du im Auto sitzend. Ich zucke ahnungslos die Schultern. Ich achte prinzipiell nicht auf den Text eines Liedes. „Der Text ist das Wichtigste im Lied!“, rügt mich Papi jedesmal. „Du kannst doch nicht einfach zu Liedern mittanzen und mithüpfen, wenn du vom Text keine Ahnung hast!“ Zumindest diesbezüglich hat Papi wirklich immer Recht.

Ich schenke nun dem Text des nämlichen Liedes im Radio meine Aufmerksamkeit. Ich lausche. Meine Augen werden groß und ich wechsle rasch den Radiosender. Doch du lässt nicht locker: „Mami, was hat der Mann gesungen?“ „Was hast du denn verstanden?“, frage ich argwöhnisch zurück, wohlwissend, dass es das Sch-Wort war, das du gehört haben musst. „Der hat das Sch-Wort benutzt!“, flüsterst du entsetzt. „Es war LEDERHOSENSCHEIßE!“ Ich pruste innerlich los - das war nun eher das Ergebnis eines Stille-Post-Syndroms - aber Sch-Wort ist Sch-Wort. „Das darf man doch nicht sagen!“, empörst du dich. „Und dann noch im Radio!“ Ja, deine moralischen Ansprüche sind hoch. Wie gesagt.

Und nun ist es soweit. Es geht um das A-Wort! „Was sind jetzt Arschlöcher?“, fragst du mich hartnäckig bleibend erneut. Ich schlucke. Mist, denke ich. Mist, sie hat Ohren wie ein Elefant! „Woher hast du denn dieses Wort?“, frage ich mit gespielter Naivität, jedoch geringem Talent. „Von dir!“ Ich schlucke erneut. Papi wirft mir einen na-jetzt-bin-ich-aber-gespannt-Blick zu. „Also, also“, stottere ich, um Fassung bemüht. „Das Wort darf man eigentlich nicht sagen.“ Dem Wort „eigentlich“ war ich noch nie so dankbar wie in diesem Moment, aber du: „Du hast es ABER benutzt.“ „Mäuschen, auch Mamas machen Fehler. Es tut mir leid.“ Du nickst wissend: „Eh, aber was sind diese...“, du beugst dich verschwörerisch zu mir. „Arschlöcher?“

Ich gebe mich geschlagen. Du hast all´unsere Probleme in den letzten Jahren hautnah miterlebt, auch wenn wir versucht haben, sie von euch fernzuhalten. Ich setze zu einer Erklärung an: „Du weißt ja, Papi hat Probleme in der Arbeit. Nicht alle finden ihn so großartig wie wir.“ „Ja, diese Trotteln sagst du immer.“ „Eben. Und zu Trottel kann man auch A... sagen. Es ist ein Schimpfwort. Und Schimpfwörter darf man nicht sagen.“ „Außer es stimmt“, sagst du von meinem Schoß hüpfend und zwinkerst mir zu. Dem ist nun wahrlich nichts hinzuzufügen.

© Johanna Floss