Schwesternwunsch

„Mami, können wir bitte eine Kerze anzünden gehen?“ Du blickst mich mit deinen braunen Augen fragend an. Ich seufze. Weiß genau, was du beabsichtigst. Wohin du willst. Ich habe es mir wohl selbst eingebrockt. Ich war es, die dich stets zur Kirche geschleppt hatte, um dort ein Kerzerl anzuzünden. „Damit das Baby brav wächst und gesund zur Welt kommt.“, hatte ich es dir erklärt.

„Nun gut Mäuschen, dann marschieren wir aber gleich los.“ Am Rückweg hüpfst du Freude strahlend durch die Lacken. „Weißt du Mami, ich weiß, dass das Baby eine Schwester wird!“ “Achso?“ Über diese plötzliche Erkenntnis, dieses Wissen bin ich nun doch etwas erstaunt. Verfügst du über übersinnliche Fähigkeiten? Ich bekomme Gänsehaut. „Woher weißt du das?“, frage ich zaghaft nach. „Na ich habe den lieben Gott darum gebeten.“ So ist das also. Na dann.

Eines Tages ist es soweit. Du darfst Papi und mich zur Ärztin begleiten. Du bist aufgeregt, dein Papi etwas gelangweilt und ich ahnend. „Das ist das Köpfchen, die Arme, die Füße.“ Die Ärztin erklärt. Du sitzt mit feuerroten Wangen neben mir. Hältst meine Hand. Bist nervös. „Ja, so wie das aussieht, bekommst du einen kleinen Bruder!“ Jäh erlischt das Strahlen deiner Augen, die Kraft deines Händedrucks schwindet. Deine Augenbrauen ziehen sich zusammen. Kindliche Enttäuschung.

Im Auto sitzend machst du deinem Ärger Luft: „Ich wollte aber eine Schwester! Keinen Bruder!“ „Wir sollten froh sein, dass das Baby gesund ist. Ein Bruder ist doch cool, oder?“ ertönt Papis Stimme. Diplomatie. Doch damit hast du nichts am Hut. Du willst eine Schwester. Deshalb: „Mami, wir müssen ein Kerzerl anzünden gehen. Vielleicht kann der liebe Gott das noch ändern!“

Als dein kleines Brüderchen nach einer gefühlten Ewigkeit zur Welt kommt, ist deine Liebe zu ihm unendlich. Ebenso wie deine Kuschelattacken und Liebesbekundungen. Er überlebt diese, erstaunlicherweise.

Zwei Jahre später ist das Thema einer Schwester für dich plötzlich wieder aktuell: „Mami, ich hätte so gerne noch eine Schwester!“ Wie aus dem Nichts kommt dein Wunsch. Ob das mit deinem herannahendem Geburtstag zusammenhängt? Ich schaue auf. „Ich sehne mich nach Babygeschrei und Babyduft.“ Ich unterdrücke ein Lachen. „Bitte Mami, es darf auch in der Nacht bei mir schlafen und wenn es Hunger hat, bring ich es zu dir. Du hättest gar keine Arbeit!“ Nein, nur die Schwangerschaft, die Geburt, volle Windeln und noch weniger Schlaf, denke ich bei mir. „Papi will sicher kein Baby mehr“, murmel ich, um das Thema zu beenden.

Am nächsten Tag flüsterst du mir ins Ohr: „Mami, horch mal. Ich hab mir was überlegt. Wir sind drei. Ich, mein kleiner Bruder und du.“ Ich nicke. „Wir sind die Mehrheit bei uns“ Ich nicke wieder. Meine Erklärungen über Demokratie dürften angekommen sein. „Eben!“, rufst du, „Wir gehen alle drei in die Kirche. Wir zünden ein Kerzerl an und beten für ein Baby. Also eine Schwester.“ Ich ahne es. „Papi erzählen wir nix davon. Und vielleicht hast du dann ein Baby im Bauch!“

© Johanna Floss