Seine Entscheidung

Und für einen kurzen Moment war es, als würde die Zeit stehen bleiben. Lediglich das Ticken der alten Standuhr bedeutete, dass sie doch vorüberschritt. Weiterschritt. Die Zeit. Es ging also weiter.

War er nicht gerade erst bei uns gewesen? Hatte mit uns gelacht, gespeist, gelebt? Wir hatten doch vereinbart, er würde nächste Woche wieder zu uns kommen. Zu uns, seiner einzigen Schwester - meiner Mutter - und all seinen Neffen, Nichten und Großnichten. Und nun? Nun würde er nicht mehr kommen. Nie mehr.

„Onkel Herbert ist tot“, mit diesen Worten war mein Vater an mir vorbei gelaufen, vorbei an meinem Mann, meiner Schwester und meinen Brüdern. Hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, um diese niederschmetternde Nachricht meiner Mutter nahe zu bringen.

Und für einen kurzen Moment blieb die Zeit stehen. Dieser Moment, eingefroren in unserer Erinnerung. Jeder in seiner, aber jede für immer. Dieser Moment änderte alles.

Unserem Vater folgend blieben wir Kinder verwirrt, vergegenwärtigend dass es wahr war, im Türrahmen stehen.

„Er hat Selbstmord begangen, sich aufgehängt“, wie neben mir stehend vernahm ich die Worte. Selbstmord? Onkel Herbert? Tot? Es wollte nicht in den Kopf hinein.

Eine seltsame Leere breitete sich in mir aus. Erst vor einem halben Jahr war - wie aus dem Nichts - unsere Tante gestorben. Sie, die mit ihrem unverwechselbaren Lachen jeden anstecken konnte, sie war nicht mehr. Stets waren Onkel Herbert und Tante Dorli im Doppelpack erschienen, hatten gemeinsam aus einem Glas getrunken, von einem Teller gegessen. Es gab sie nur zusammen.

Offenbar nicht nur für uns. Offenbar auch für Onkel Herbert, der über ihren Tod nicht hinweggekommen war. Unbemerkt für uns. Wohl geplant und durchdacht für ihn. Er hatte diesen Entschluss gefasst. Er wollte nicht ohne sie sein. Konnte nicht. Gewartet auf ihren Geburtstag. Einen Tag bewusst gewählt. Hatte sich nicht dem Schicksal überlassen, sondern eine Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, die seinen Kindern den Vater nahm, seiner Schwester den geliebten Bruder.

Eine Entscheidung, die Konsequenzen hatte. Denn wir, seine Familie, haderten. Hätten wir ihn davon abbringen können? Müssen? Wäre es denn nicht unsere Pflicht gewesen?

Und heute stehe ich heulend vor dem Grab der beiden. Noch immer nicht fassen könnend. Nach fünf Jahren. Ich fahre an ihrem Haus vorbei. Es ist nicht mehr ihres. Nichts mehr, was ich mit diesen lieben Menschen verbinde.

Was bleibt sind die Erinnerungen. Liebevoll zurückblickend, mit einem warmen Herzen. Dankbar für die Zeit mit ihnen. Mit Onkel Herbert. Dankbar, dass er seine letzten Tage mit uns verbrachte. Nicht mehr hadernd, dass er den Entschluss gefasst, er sich das Leben genommen hat. Selbstmord? Nein, nicht Onkel Herbert. Er hat sich das Leben genommen. Schließlich war es seines und er Herr darüber. Seine Entscheidung. Für sich getroffen. Er wollte es so. Und nun fünf Jahre später bin ich der Meinung, er durfte. Ohne wenn und aber.

© Johanna Floss