Sonnentage

Wir düsen los. Wieder einmal. Wieder einmal voller Hoffnung, ein paar Tage der Leichtigkeit und des Lachens verbringen zu können. Nur wir. Wir sehen uns an. Deine Augen leuchten ein wenig. Endlich wieder.

Die Vorzeichen haben sich nicht geändert. Doch diesmal haben wir einen Plan im Gepäck. Einen Plan der nicht jenem entspricht, den wir ursprünglich hatten, der greifbar und unsere sorgenfreie Realität war. Denn das Leben hat sich für uns gedreht, wurde auf den Kopf gestellt. Aber nun stehen wir wieder. Es hat gedauert und wackelig sind noch unsere Beine. Doch wir haben einen Plan. Einen neuen.

Wir blicken zurück. Hinter uns schlafen unsere Kraftspender, unser Sinn. Und vor uns liegen Sonnentage. Sonnentage in Wien.

„Mami, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass wir jetzt wirklich unter der Erde durchfahren!“ Deine Augen strahlen, als wir in der U-Bahn sitzen. „U-Bahn!“, schreit dein kleines Brüderchen voller Freude und reißt seine zweijährigen Ärmchen hoch. „Und Mami, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass manche Leute jeden Tag mit der U-Bahn fahren dürfen. Und mit der Rolltreppe!“ Wir blicken uns an, du und ich.

Im Prater seid ihr anfänglich eingeschüchtert. “Laut“, sagt der Kleine verängstigt und gräbt seinen Kopf in meinen Nacken. Doch dann packt uns das Vergnügen: Die Riesenrutsche mit dem Zauberteppich hat es euch und uns angetan. „Noch einmal! Noch einmal!“ Wir rutschen und landen mitten im lachenden Leben. Wir lachen grenzenlos. Ihr gluckst. Festhalten. Ein Moment der Ewigkeit. Vor Spaß und müde vom Lachen taumeln wir ins Bett.

Der nächste Tag ist voll. Sissi wartet für uns beide Mädchen. Du genießt es. Und ich auch. Wir schlüpfen in Prinzessinnenkleider, frisieren, staunen und lernen. Danach amüsieren wir uns alle über die Pinguine, Eisbären und Giraffen. Es tut gut. Sonnenstrahlen in Hülle und Fülle.

Der nächste Tag ist der letzte. Noch einmal ein Schloss und eine Schifffahrt am See. Du strahlst. Darfst am Steuer sitzen. „Papi ich kann das“, sprichts und lenkt mitten in die Büsche hinein. So vieles gibt es zu sehn. Wir lachen, noch einmal gut gegangen.

Dann heißt es Abschied nehmen. Abschied von unseren Sonnentagen. Zuhause wartet. Ihr freut euch. „Omi sein!“, schreit der Zweijährige. Wir sehen uns an. Zuhause, die Realität. Für einen Moment konnten wir ihr entfliehen.

Vor uns warten tiefschwarze Wolken. Sorgen - dein Vater und unsere ungewisse Zukunft. Wir haben einen Plan, einen Plan. Wir halten ihn fest, denn er droht uns zu entgleiten. Der Sturm des Lebens beutelt ihn bereits hin und her, will ihn uns nehmen. Doch wir halten ihn. Es ist unserer!

Vor uns liegt die Realität. Vor uns liegt Ungewissheit. Doch hinter uns liegen Sonnentage. Fest eingepackt. Eingepackt in unser aller Erinnerung. Lachen, Fröhlichkeit, Unbeschwertheit. Und es sind die Sonnenstrahlen dieser Tage, die immer wieder durch den Koffer scheinen. Sie strahlen nach vorne. Strahlen und wärmen uns. Sie geben uns Kraft. Sonnentage und wir.

© Johanna Floss