Sonntag

Langsam arbeitet sich deine Hand vorwärts. Streicht von meinem Rücken beginnend weiter nach oben zu meinem Nacken. Verharrt dort für einen kurzen Augenblick und wandert dann weiter zu meiner Wange, um dort voller Energie an meine Nasenspitze zu stupsen. „Mami, können wir aufstehen?“ Das ist das Stichwort für die zweite, die kleinere Hand. Diese arbeitet sich von der anderen Seite bis zu meinem Gesicht vor, um schlussendlich an meinem Kinn zu zupfen. Zuerst zaghaft, dann mit „Mami, aufstehen!“ begleitet, noch energischer.

Ich öffne meine Augen. Zuerst das rechte, dann das linke. Ich schiele auf die Uhr. 5 Uhr 35. Es ist Sonntag. Wir stehen auf. Leise.

Es folgen Flaschi und Milchschaum für euch, ein kräftiger Espresso für mich. Dann beginnt deine Vorführung - Du schnappst dir die Gitarre und trällerst los. Es ist kein Lied, das du zum Besten gibst, vielmehr ist es eine Aneinanderreihung an sinnfreien Sätzen. „Gefällt dir das Lied, Mami?“, fragst du mich in freudiger Erwartung einer positiven Antwort. Du sitzt da in deinem himmelblauen Einhornpyjama, die Haare wirr von deinem Kopf stehend. Ich ringe um Worte - Katzenmusik in aller Früh. „Sehr schön Mäuschen“, sage ich automatisch.

Der musikalischen Darbietung folgt eine ausführliche, teilweise ausschweifende Erzählung deiner heutigen Träume. Ein Wortschwall prasselt auf mich nieder. Ihr sitzt beide vor mir. Dein Mund geht auf und zu. Du redest ohne Punkt und Comma. 6 Uhr 05. Ich nehme einen kräftigen Schluck. Nun setzt dein Bruder ein. Der nächste Wortschwall. 2 Jahre alt und bereits ein Papagei.

Ich lasse meine Gedanken schweifen. Wo sind die Zeiten geblieben? Als es ruhig war. Als wir Zeitung lesend am Frühstückstisch saßen. Schweigend. Meine Gedankenreise wird jäh unterbrochen: „Mami, er hat mir ins Bild gemalt!“ „Nein nicht!“, mit großen Augen und wackelnden Wangen wird der Vorwurf vom Täter negiert. 2 Paar Augen auf mich gerichtet. Nun soll ich auch noch schlichten. 6 Uhr 20. Ich will schlafen!

„Mami, du hast so schwarze Ränder unter den Augen.“ „Ach wirklich? Wäre mir in den letzten Jahren noch nie aufgefallen“, knurre ich. „Ja, swarz!“, obwohl von der Farbenlehre noch keine Ahnung, muss er seine Meinung auch kundtun. 6 Uhr 35.

Endlich Ruhe. Gedankenspiele. Ich bin Juristin. War es. Denn schleichend habt ihr meinen Job gewechselt. Ausgetauscht. Habt mich zu einer Alleinunternehmerin gemacht, zu einer Chefin. Aber der neue Job, die Führungsposition heißt „Mama“.

„Milchflassi noch!“ „Und ich bitte noch einen Milchschaum!“ Bin doch keine Chefin, vielmehr Dienerin.

„Papi da!“ schreit plötzlich dein kleiner Bruder. „Papi ist munter!“, kreischt du. Und tatsächlich. Mit schwarzen Ringen unter den müden Augen und dürstend nach Kaffee, erscheint Diener Nummer zwei. Ich strecke meinem Kollegen Milchflasche und 2 Tassen entgegen: „Guten Morgen! Einmal Milchflaschi, einmal Milchschaum und einmal Espresso bitte!“ Wie gut, dass die Befehlskette nicht bei mir endet!

© Johanna Floss