Spuren im Schnee

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Ich gehe schnellen Schrittes in die Unterfahrt. Nur schwer lässt sich die große Holztüre zur Garage öffnen. Ich taste im Dunkeln nach dem Lichtschalter. Ärgere mich über das Chaos, das dort herrscht. Die Schneefräse, der alte Dreiradler, Werkzeug und Fahrräder. Es dauert, bis ich das Objekt meiner Begierde finde. Ich ziehe den Schlitten unter all dem sperrigen Zeugs hervor. Doch plötzlich werden meine Bewegungen langsamer, mein Ärger über dieses Chaos als Verdienst einer Großfamilie verpufft schlagartig.

Ich halte inne. Es ist der Geruch meiner Kindheit, der mir so unverhofft in die Nase steigt. Mich umgibt. Warme Luft, die nach Benzin, altem Holz und Stein, nach längst vergangener Zeit riecht. Und nun sind sie da, die Bilder meiner Kindheit:

Der blaue, stets blitzblanke, alte Mercedes meines Großvaters, sein ganzer Stolz. An fünf Fingern kann ich jene Male abzählen, an denen ich mit ihm im Auto hatte fahren dürfen. Er vorne sitzend, mit Hut und akkurat geknöpftem Mantel. Ich hinten sitzend, aufrecht, mit den Händen auf meinem Schoß, darum bemüht, keinen Fleck auf den sandfarbenen Sitzbezügen zu verursachen. Trotz dieser körperlichen Starre spielte sich ein Film in meinem Kopf ab: Ich die Prinzessin, und er, mein Opa, der Chauffeur.

Ich sehe die Schlitten, die sich im Winter in der Unterfahrt stapelten, darauf wartend, dass sie von uns Kindern benutzt werden würden. Um die Auffahrt, die mit Opas Mercedes nur vorsichtig und langsam genommen wurde, hinunterzudüsen. Laut schreiend. Um den steilen Schlittenhügel hinunterzurodeln. Laut kreischend. Um eine Schneeburg zu bauen, deren Material mit dem Schlitten transportiert wurde. Die keine Fenster hatte, um so den wachsamen Blicken der Erwachsenen zu entkommen.

Ich sehe den großen Schlauch eines Traktorreifens, der nur dann hervorgeholt wurde, wenn den Erwachsenen danach war. Nach Kreischen, Schreien und roten Wangen. Wenn sie selbst den Schlauch den Schlittenhügel hinaufschleppten und uns herbeiriefen. Trabten wir gehorsam an, dann wurden wir einem Sandwich gleich darauf geschlichtet. Die erste und letzte Schicht bildeten immer sie, die Erwachsenen. Und mit dem lautesten Lachen landete dann im Schneegestöber ein Menschenknäuel. Kinder wie Erwachsene mit Gesichtern voller Schnee.

„Mami!“ Euer lautes Geschrei löst mich aus den Erinnerungen an die Wintertage meiner Kindheit und ich tauche unmittelbar in eure ein: „Ich hab ihn!“, rufe ich, schnappe den Schlitten und laufe zu euch. Wir nehmen euch an der Hand und gehen, eilen, laufen dem Schlittenhügel entgegen. Um uns und euch auf den Schlitten zu schlichten. Um hinunterzudüsen, mit dem lautesten Lachen, das ihr von uns kennt. Um im Schnee zu landen, in einem Knäuel aus Haaren, Hauben, Händen und Schuhen. Unten angekommen wandert mein Blick nach oben und ich entdecke sie. Die Spuren aus längst vergangenen Kindertagen. Die Spuren von Lachen, Vergnügen und Leichtigkeit. Ich entdecke sie, die Spuren im Schnee.

© Johanna Floss