Stärke

Am Anfang war die Wut, wütend über den Ausspruch, wütend über das Unrecht, wütend über die Ungerechtigkeit und Ohnmacht. Danach kam die Sorge. Die Sorge um diesen Mann, meinen Mann. Die Sorge, wie würde er es verkraften, wie würde er, der so stolze und aufrechte Mann, danach sein. Nach dem Urteil. Nach diesem Ausspruch.

Ich brach innerlich zusammen, schleppte mich die paar Schritte nach vorne. Ich wollte ihn einfach in die Arme nehmen, denn dann war immer alles gut. Nur diesmal, diesmal war alles anders. Nie mehr würde es wieder so sein, wie es war. Nie mehr.

Ich taumelte. Wir taumelten. Uns war der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Es war jener Fall eingetreten, von dem wir nie, niemals gedacht hätten, er würde mit seiner ganzen Gewalt über uns hereinbrechen. Der Glaube an Recht und Gerechtigkeit war mit einem Schlag verloren.

Wir fuhren nachhause. Die Tränen bahnten sich ihren Weg. Automatisch und gegen unseren Willen. Ich hielt seine Hand und er meine. Wir klammerten uns aneinander. Jeder in der Hoffnung, nicht unterzugehen. Der Sog war stark. Ein einzelner Moment und alles war anders geworden.

Zuhause angekommen war ich schlagartig erwachsen geworden. Es hatte wohl einmal sein müssen. Erwachsenenprobleme, die vor Kinder zu verstecken sind. Eine heile Welt, die erhalten werden muss. Eine Kinderwelt.

Ich stieg aus, trocknete die Tränen. Wir nahmen uns an der Hand und gingen zur Tür. Noch einmal ein Blick. Ein Blick in deine Augen. Geknickt, aber nicht gebrochen. Dein Stolz getrübt, aber nicht ausgelöscht. Wir atmeten tief durch und betraten sie, unsere Insel.

„Mami, Papi!“ Unsere Tochter kam uns entgegen gelaufen, direkt in unsere Arme. Wir umarmten sie lange. Und fest, denn dann war immer alles gut. Doch diesmal nur für sie. Ich nahm sie bei der Hand, unseren kleinen Sohn in den Arm. Wiegte sie in den Schlaf, gab ihm zu trinken. Alles wie immer und doch wird nie wieder, niemals wieder auch nur etwas so sein, wie es früher einmal mal war.

Seitdem ist das Leben weiter gegangen, doch die Zeit war an uns vorübergeschritten. Ohne uns war ein Sommer vergangen, ein Herbst und ein langer Winter. Die Zeit war an uns vorübergeschritten. Ohne uns zu beachten, ohne zu merken, dass auch wir Anspruch auf sie hatten. Einfach an uns vorbei gegangen. Als hätte sie uns missachtet. Nach dieser Erkenntnis lag ich am Boden. Niedergestreckt. Unfähig und ohnmächtig zugleich.

Wenn man am Boden liegt dauert es, wieder stehen zu können. Aber es gelang. Ich wollte wieder Herr über mein Leben sein und nicht Passagier. Es war mein Entschluss, wieder am Leben teilzunehmen. Und doch, es war anders. Wir haben uns geändert, unsere Sichtweise aufs Leben hat sich geändert. Die harte Zeit ist bei weitem nicht vorüber, allein der Blickwinkel aufs Leben hat sich geändert.

Ich weiß nun, ich bin stark. Stark wie eine Löwin. Ich lasse mich nicht klein kriegen. Wir lassen uns nicht brechen. Von niemanden. Auch nicht vom Leben. Denn wir haben uns. Das ist unsere Stärke.

© Johanna Floss