Stolperstein

Ich gehe die Straße entlang. Plötzlich stolpere ich. Ich entdecke einen Stolperstein. Stolpersteine. Sie sind ein Mahnmal gegen das Vergessen. Gegen das Vergessen von Menschen, ihrem Schicksal, ihren Geschichten.

Annas Geschichte ist keine Geschichte über Unrecht aufgrund der Hautfarbe oder Religion. Es ist keine Geschichte über eine Heldentat oder großen Mut. Es ist eine Geschichte über Freundschaft und Verrat. Darüber wie unmenschlich Leben sein kann.

Sie ist 22 Jahre alt. Ein Alter, in dem das Leben in den Adern pulsiert. In dem Leichtigkeit an erster Stelle steht, Leichtigkeit und Lebendigkeit. Eigentlich. Doch wir befinden uns im Jahr 1944.

Sie heiratet und ist dabei schon schwanger. Das Leben könnte schön sein, doch es hat anderes mit ihr vor. Sie plaudert mit einer Freundin. Vertraut ihr, wie man Freunden vertraut. Freunde als Wegbegleiter fürs Leben. So wird auch diese Freundin zu ihrem Wegbegleiter des Lebens, doch nicht als Stütze, sondern als Urheberin dessen, was folgt und sie ein Leben lang prägen wird.

Sie vertraut ihrer Freundin ihr Missfallen des Hitler-Regimes an. Aufgrund dieser „staatsfeindlichen Äußerungen“ wird sie fristlos entlassen. Wird von der Gestapo aufgegriffen. Sie wird verhört. Sie wird misshandelt. Sie ist 22 Jahre alt und schwanger.

Mit 22 Jahren war ich Studentin, lachte viel und äußerte wie selbstverständlich jedem gegenüber meine Meinung frei. Als ich schwanger war, war ich auf dieses Wunder Mensch ausgerichtet und wurde sowohl in der Arbeit als auch zuhause körperlich geschont. Wie selbstverständlich.

Sie wird mit 22 Jahren ohne Anklage, ohne Verfahren inhaftiert.

Als ich 22 Jahre alt war, lernte ich im Rahmen des Studiums, dass jeder Mensch ein Recht auf ein „fair trial“ hat, dass ohne genaue Anklage, ohne durchgeführtes Verfahren, ohne Urteil eines unabhängigen Gerichts keine Strafe verhängt werden darf.

Ihr Mann stirbt beim ersten Bombenangriff auf Salzburg. Ihr Kind erblickt am 15. November das Licht der Welt, einer sehr dunklen Welt.

Jahrzehnte später wird am selben Tag mein Mann geboren. Hineingeboren in eine freie Welt.

Sofort nach der Geburt wird ihr Antonia abgenommen und in ein Heim gebracht, während sie in das Gefangenenhaus rücktransportiert wird.

Als ich meine Kinder zur Welt brachte, wurden sie mir auf die Brust gelegt. Haut an Haut und ich wusste, sie blieben bei mir. Tag und Nacht. Heute sind sie 6 und 2 1/2 Jahre alt.

Ihre Tochter war 12 Tage alt, als sie starb. Eltern unbekannt, der einzige Vermerk.

Bis zur Befreiung Salzburgs blieb Anna in Haft. Ohne Anklage, ohne faires Verfahren, ohne richterlichen Urteilsspruch.

Ihr Schicksal, unvorstellbar. Sie wurde 66 Jahre alt.

Heute prägt ihr Stolperstein eine Straße Salzburgs. Ein Mahnmal gegen das Vergessen ihrer Geschichte. Einer Geschichte, nicht die einer Heldin, sondern einer Geschichte über ein Leben, wie wir alle es führen. Keiner ist davor gewahrt. Denn Geschichte kann sich wiederholen.

© Johanna Floss