Tischmanieren

„Ich hülpst!“ Ich schaue auf: „Wie bitte?“ „Ich hülpst!“, wiederholt dein Bruder, des Buchstaben „R“ nicht mächtig. „Psst!“, herrschst du ihn als große Schwester an. Doch dein Redeverbot ignorierend wird das Geständnis wiederholt: „Ich hüüülpst!“. Sowohl meine Augen als auch meine Ohren werden nun größer.

Tischmanieren. Das kleine Einmaleins am Tisch: Nicht Rülpsen, Ellbogen vom Tisch, Kein Schmatzen, Kein Kauen mit offenem Mund und KEIN Pupsen. Die Basis der Manieren eben. Täglich mahne ich sie gleich einer Endlosschleife bei euch ein. „Wozu sollen sie gut sein, diese Manieren am Tisch?“, hast du mich einmal gefragt. „Gute Tischmanieren sind kostenlos, können aber Türen öffnen“, war meine nicht sehr kindgerechte Erklärung gewesen. „Da sind aber keine Türen, die sich öffnen, wenn ich nicht schmatze. Sogar nicht, wenn ich den Mund beim Kauen zu lasse!“, war deine Reaktion gewesen. Dem ist wenig entgegenzusetzen.

„Darf man denn Rülpsen?“, frage ich nun den kleinen Bruder. „Ja.“, lautet die Antwort prompt. „Wer sagt das?“, wundere ich mich. „Mami nicht da, Papi sagt hülpsen.“ Du verdrehst die Augen: „Das darfst du nicht verraten! Das ist ein Geheimnis!“

Papi. Da haben wirˋs. Das Resultat der raren, mamifreien und doch so wichtigen Papi-Abende: Schmatzen, Wettrülpsen und Wettpupsen, garniert mit Liedern über Nasenmänner und Eiermänner, sinnfreien und sinnlosen Sprüchen. Mami ist für Manieren zuständig, Papi für den Spaß. Klischeehaft und zum Augenrollen. Du als sechsjährige Große kannst bereits unterscheiden, wann etwas aus Spaß erlaubt ist und wann dieser endet. Dein kleiner zweijähriger Bruder noch nicht. So kommt es dann, dass ICH in Geschäften den Blicken anderer ausgesetzt bin, wenn er lautstark „Guten Tag Herr Nasenmann“ singt, und nicht Papi.

Ich nehme das Gespräch nun einerseits amüsiert und interessiert und andererseits vorahnend neuerlich auf: „Was ist mit Papi und rülpsen?“ „Papi hülpst. Lacht. Ich auch hülpst.“ Wie stolz er ist und ich zerkrümle mich innerlich vor Lachen. „Was durftet ihr noch alles machen? Etwa pupsen?“ „Ich hülpst!“ schreit dein kleiner Bruder, lang andauernde Wiederholungen liebend, erneut. „Das hast du bereits mehrmals gesagt“, sagst du genervt und nervös zugleich. „Igel!“, schreit der Zweijährige euphorisch. Du gibst dir einen Ruck: „Ja, wir durften auch schmatzen wie ein Igel.“ „Ich Füße so“, streut der Mittäter ein und legt sein Beinchen auf den Tisch. Meine Augen werden noch größer. „Ellbogen auf Tiss!“, brüllt er jetzt regelrecht. Ich erfahre von dir das gesamte Ausmaß des Papi-Spaß-Abends. Das wird ne ganze Woche dauern, bis ich das wieder glatt gebügelt habe, schießt es mir durch den Kopf, kaum in der Lage, das Lachen zu unterdrücken. „Ihr seid Rabauken!“ „Ja, Habauke ich!“ wiederholt unser Papagei.

Am Abend führt mir Papi den digitalen Beweis vor Augen. Ein Video. Die Protagonisten: Ihr Zwei. Der Regisseur: Papi. Das Drehbuch: Vier Fäuste für ein Halleluja.

© Johanna Floss