Trauer

Ich stehe an deinem Grab. Beobachte die rauschenden Blätter, die Flamme der Kerze. „Opa da?“fragt der zweijährige Lichtblick und zupft an meinem Kleid. „Nein Häschen. Opa ist tot. Das ist sein Grab. Wir denken fest an ihn. Darüber freut sich Opa ganz bestimmt.“ Er zwickt seine Augen zusammen: „Opa denken“.

Wie oft er in den letzten Wochen nach dir gefragt hat. Und jedesmal wurde mir das Unwirkliche wieder bewusst. Du bist tot. Du wirst nicht mehr wieder kommen. Du fehlst. Wir wussten der Tag würde kommen und doch ist es so schwer, das Endgültige anzunehmen. Dein leerer Platz auf der Couch. Deine fehlenden Schuhe im Vorzimmer. Keine Jacke von dir. Kein Räuspern, kein Lächeln. Wie sehr wir dich vermissen.

Wir fahren zu euch, aber das „Euch“ stimmt nicht mehr. „Opa da!“, tönt es plötzlich von der Rückbank. „Nein Häschen, Opa ist tot“, sage ich traurig. Wohlwissend, dass ein Zweijähriger diese Worte nicht begreifen kann. Doch ich bin außer Stande mehr zu erklären. Da springt die sechsjährige Schwester für mich ein: „Weißt du kleiner Bruder, Opa ist tot. Da brauchst dich aber nicht zu fürchten, gell. Opa ist jetzt im Himmel, beim lieben Gott, gell. Da geht`s ihm jetzt super-gut. Weißt du? Super-gut!“ Zufrieden mit ihrer Antwort lehnt sie sich in den Autositz zurück. Als wir aussteigen stapft der kleine Bruder vorbei an uns, direkt in die Wohnung, und bleibt vor Oma stehen: „Opa tot. Himmel. Alles gut.“ Oma und ich schauen uns an und die kleine Lehrerin strahlt vor lauter Stolz.

“Mami, welcher Tag ist heute?“, werde ich im Garten sitzend während einer Sturmböe gefragt. „Mittwoch, warum?“ „Opa ist doch an einem Mittwoch gestorben. Opa ist der Sturm!“ Und wieder bist du präsent. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht: „Wie recht du hast!“ Sonnenstrahlen, die plötzlich hinter einer Wolke hervorkommen. Ein Windstoß, ein Platzregen. All darin erkennen wir dich, glauben wir dich zu spüren.

Am Abend liege ich mit den Kindern im Bett. Die Große spricht das Abendgebet: „Und lieber Gott, bitte pass auf Opa auf. Lass ihn bei dir im Himmel und schließe ihn in dein Herz.“ Ich schlucke meine Tränen hinunter. Plötzlich kuschelt sie sich eng an mich: „Mami, ich hab`da so ein Gefühl im Bauch.“ „Was ist los?“, frage ich besorgt. „Weißt du, ich bin traurig. Ich weiß, Opa geht es jetzt gut. Aber ich vermisse ihn.“

Zu deinen Lebezeiten war dir nie bewusst, dass sie dich lieben. Hast immer gefragt, ob sie sich schon freuen, wenn wir mit ihnen bei euch waren. Konntest es nie glauben, dass sie an ihrem Opa hängen. Und jetzt wird es uns allen vor Augen geführt: Du bist in ihren Herzen. In unseren.

So natürlich und fröhlich - „Opa geht`s jetzt gut“ - die Sechsjährige mit deinem Tod umgegangen ist, so beginnt sie nun die Endgültigkeit zu verstehen. Es ist früh morgens, als sie mir ins Ohr flüstert: „Mami, soeben habe ich mein eigenes Herz vor Augen gesehen. Ein Teil davon ist schwarz, weil ich den Opa so lieb hab, er aber tot ist.“ “Mäuschen, das spüren Papi und ich auch, das ist Trauer“.

© Johanna Floss