Unser Moment

Finessa Schokolade. Erdbeere- oder Pistaziengeschmack. Eine ganze Tafel. Hervorgeholt aus dem großen Kasten im dunklen Vorzimmer, dessen quietschende Türe uns Kinder immer hat aufhorchen lassen.

Es war wieder soweit. Wir verabschiedeten uns von euch, Oma und Opa. Von Oma mit einem Kuss auf die Wange. Von dir mit einem festen Händedruck. Meine kleine Hand in deiner Großen. Zum Abschied gab es für jeden von uns eine Tafel Finessa. Immer, wie das Amen im Gebet. Du stehst hinter Oma in der Türe. Ihr winkt uns, unserem Auto nach, bis wir nicht mehr zu sehen sind. Ein Moment meiner Erinnerung.

Stets hieltest du dich im Hintergrund. In den Bildern meiner Kindheit sehe ich Oma wie sie lacht; wie sie meinen Kopf zärtlich an ihre Dirndlschürze drückt. Wo bist du?

Du warst groß, stattlich deine Erscheinung und zärtlich dein Blick. Deine Mundwinkel umspielte selten ein Lächeln. Nur manchmal enthuschte dir ein Schmunzeln. Dein Räuspern, deine raue Stimme. Dein geräuschvolles Husten. Deine graue Strickjacke, Knäckebrot mit Honig. Erinnerungsfetzen.

Geschenke zu Ostern, zum Geburtstag, zu Weihnachten. Von dir ausgewählt, mit Bedacht. Der Plüschelefant „Dumbo“, eines meiner letzten Geburtstagsgeschenke von dir. „Er ist mir bis nachhause gefolgt; er wollte zu dir und saß heute morgen vor der Haustüre“, waren deine Worte. Momentaufnahmen mit dir.

Und trotzdem weiß ich so wenig über dich. Du warst Gendarm, Kassier, Taxiunternehmer. Brachtest Wasser und Beleuchtung in den kleinen Lungauer Ort, den wir unser zweites Zuhause nennen. Lob und Anerkennung gab es dafür nicht. Stets warst du unscheinbar. Aber du warst innovativ, ein Vordenker. Voller Tatendrang. Ein Mann mit schwerer Kindheit, aber einem großen Herz. Deine Distanz resultierte nicht aus Herzlosigkeit oder Gleichgültigkeit, sondern weil du es selbst nie anders erlebt hattest. Niemals hätte ich dich umarmt oder dir einen Kuss aufgedrückt.

Du stehst im Krankenhaus, im Schlafrock. Am Fußende des Bettes. Weihnachten, die Ferien waren vorüber gegangen. Es ist jener Moment mit dir, den ich wohl mein Leben lang nicht vergessen werde. Und doch einer, der ungenutzt verstrichen ist:

Ich bin 9 Jahre alt, du noch keine 68. Wir verabschieden uns von dir. Als ich nach meinen Geschwistern an der Reihe bin, verspüre ich den noch nie da gewesenen Drang dich zu umarmen. Fest, ganz fest. „Nicht mehr loslassen“, denke ich. Nie mehr. Doch gewohnheitsgemäß ergreife ich deine Hand. Wie warm sie ist. Ich halte sie fest, du hältst die Meine fest umschlossen. Ich blicke in deine blauen Augen, will dich umarmen. Doch ich mache es nicht. Einen Tag später bist du tot.

Es wäre nur eine Umarmung gewesen. Nicht mehr. Und noch heute bereue ich es, diesen Moment nicht genutzt zu haben, ihn ungenutzt verstreichen zu lassen haben. Ich denke daran zurück. Mit Wehmut und Traurigkeit. Doch es war und bleibt ein Moment. Ein Moment zwischen dir und mir. Festgehalten in meiner Erinnerung. Für immer, unser Moment.

© Johanna Floss