Zuhause

Winken. Solange, bis keines der Autos mehr zu sehen ist. Dann sind wir an der Reihe. Tränen steigen in die Augen, warten dort bis sie sich auf den Weg über die Wangen machen. Sie schmecken salzig. Es ist wieder soweit. Wir müssen zurück in die Wirklichkeit.

Es heißt Abschied nehmen. Abschied nehmen von der Zeit, die wie immer viel zu schnell vergangen ist. Abschied nehmen von den Bergen, dem Geruch nach Heu, nach Sommer. Abschied nehmen von dir. Du hast uns die Wärme gegeben, die wir in diesen Tagen nötig hatten, hast uns Obdach und Geborgenheit geboten. Auf dich ist Verlass. Egal wann, egal wie oft, du bist da. Immer.

Du bist nicht beleidigt, wenn wir uns zu lange nicht haben blicken lassen. Verwehrst uns nicht Einlass. Deine Türen stehen offen. Du stehst hier. Ergeben. Darauf wartend, dass du wieder mit Leben be- und erfüllt wirst. Wartest du auf uns? Ich weiß es nicht.

Raum für Raum nehme ich Abschied von dir. Lasse die vergangenen Tage Revue passieren. Sauge deine Fröhlichkeit, deine Nestwärme auf. Wir werden wieder kommen. Doch wann? Wird es wieder so sein? Still und stumm wirst du während der Zwischenzeit stehen. Leer. Ohne Licht, ohne Leben. Und doch, du wirst warten.

Die Zeit wird kommen. Das Ticken der alten Standuhr gibt den Takt vor. Tick, Tack. Immer und immer wieder. Dein Herz. Tick, Tack. Es beruhigt. Du willst uns nicht traurig sehen, gibst uns mit jedem Ziegelstein deiner Hülle zu verstehen, dass du da bist, uns wärmst. Wir brauchen nur zu kommen. Wir, meine Familie. Einzigartig und unverwechselbar. Bereits die vierte Generation, die dich abgöttisch liebt. Die mit dir dieses Gefühl der Geborgenheit verbindet. Verbindest du es auch mit uns?

Alle haben dich gefüllt. Nun ist es an uns. Wir alle füllen dich, jeder einzelne. Nur wenn wir vollständig sind, bist auch du es für uns. Dann bist du wieder unser Zuhause. Du gibst uns den Raum zu lachen, bis die Tränen in die Augen steigen; zu weinen, ohne den Halt zu verlieren; uns zu freuen, gemeinsam; uns zu streiten und die Augen über die Eigenheiten eines jeden von uns zu rollen. Du lässt es zu. Die Geräusche - von uns erzeugt, durch dich abgespeichert und widergegeben. Das Knarren der alten Treppe. Kinderfüße am kalten Boden. Kinderlachen im Garten. Gläser klirren in der Küche. Geplauder und Gelächter, das jeden Raum erfüllt. Das ist Geborgenheit.

Ohne uns bist du nicht Du. Und doch haben Wir dir zu danken. Was täten wir ohne dich? Wie ein Schiff auf hoher See würden wir ohne Orientierung, ohne Anker durch die Meere reisen. Hin- und hergebeutelt durch die Widrigkeiten des Lebens. Aber Du bist da. Unerschütterlich. Du rüttelst uns zurecht, lässt unsere Urlaubszeit erholsam werden. Wappnest uns alle für die Realität. Du bist unser Rückzugsort, gibst uns Kraft. Jedem Einzelnen von uns. Das macht dich unschätzbar. Wir danken dir. Dir, unserem Haus. Unserem Zuhause.

© Johanna Floss