Zuversicht

Sie steht mit leuchtenden Augen vor dem Baum, den angeblich das Christkind gebracht hat. Mit feuerroten Wangen schmettert sie - wenig begabt, aber voller Freude und Inbrunst - „O Tannenbaum“. Sie ist quicklebendig, steht mitten im Leben und kann es nicht glauben. Ihr Blick wandert immer wieder über die Schulter zurück zu mir. Kein Zweifeln in den Augen, ob wirklich, sondern einfach nur dass. Freude. Pure Lebensfreude.

Seine kleinen Äuglein starren zu dem Baum. „To You, to you!“. Jeder Versuch, ein Lied anzustimmen wird durch seine Kommentare unterbrochen. Er kann es nicht fassen, ein Raum erleuchtet von Kerzen - Kerzen überall! Seine kleinen Händchen suchen aufgeregt nach meinen. „Bimbaum“.

Wir alle staunen über die Schönheit des Christbaumes, wie er funkelt und glänzt im Schein der brennenden Kerzen. Die Sternderlspritzer geben ihr Bestes und tragen so zur Magie dieses heiligen Abends bei.

Ich liebe Weihnachten. Und doch fehlt diesmal etwas. Es fehlt das glückselige Weihnachtsgefühl. Jeder lächelt, aber keiner meint es ernst. Wir singen unsere Lieder, lesen das Weihnachtsevangelium. Alles ist wie immer. Und doch ist es so anders.

Du sitzt da. Beobachtest deine Enkelkinder. Deine Augen glitzern. Sind es Tränen? Du lächelst müde. Ist es die Verzweiflung? Du kratzt dich am Kopf. Die Haare sind nachgewachsen. Lediglich eine Stelle ist kahl geblieben. Räusperst du dich? Nein. Mir fehlt dein typisches Räuspern, das stets mit einem Kopfschütteln und Lachen einherging. Wo ist es geblieben?

Du bist umringt von uns, deiner Familie. Abwechselnd spürst du eine Hand von uns am Arm, am Bein, an der Hand. Ein jeder von uns will dich festhalten. Spüren, solange es noch geht. Wir lächeln uns an, lächeln dich an. Doch einen Blick direkt in die Augen vermeidet ein jeder. Jedem gehen die gleichen Gedanken durch den Kopf. Auch dir?

Wird es unser letztes Weihnachstfest zusammen sein? Das letzte Weihnachtsfest vollzählig? Alle. Weißt du es? Spürst du es? Tränen fließen. Deine Schwäche, deine zittrigen Hände. Wie geschickt sie gewesen waren. Hatten wunderschöne Krippen entstehen lassen. Deine Hinterlassenschaft. Auf die Frage der Kinder, wie du so eine tolle Krippe bauen konntest, reagierst du mit einem unverständlichen Blick. Hast du es vergessen?

Es ist nur ein Weihnachtsfest. Aber eines, das uns allen in Erinnerung bleiben wird. Ob es nun das letzte ist oder nicht. Die Stimmung wird niemals mehr so sein, wie sie früher war. Früher, vor der Krankheit. Das Leben hat sich verändert. Alles hat sich gedreht.

Das Leben besteht aber nun einmal aus Veränderungen. Aus Freude. Aus Liebe. Aus Leid. Aus Abschied. Und aus Zuversicht. Sie ist unerschütterlich. Sie ist beharrlich. Die Zuversicht bahnt sich ihren Weg durch die Herausforderungen des Lebens. Die Zuversicht, dass irgendwann alles gut sein wird. Und sie ist das, was uns bleibt.

© Johanna Floss